Mit „Alessandro Severo“ greift Händel die Gestalt des römischen Kaisers Severus Alexander auf. Dank des neuen Bandes der Hallischen Händel-Ausgabe liegt die Pasticcio-Oper nun in einer verlässlichen Edition für künftige Aufführungen vor – weit über den 1800. Jahrestag der Handlung hinaus.
Am 25. Februar 1738 fand in London im King’s Theatre in the Haymarket die erste Aufführung von Georg Friedrich Händels Pasticcio-Oper „Alessandro Severo“, HWV A13, statt. Das Libretto hatte ein unbekannter Textbearbeiter nach Apostolo Zenos (1668–1750) drama per musica verfasst, das 1717 in Venedig in der Vertonung von Antonio Lotti (1667–1740) aufgeführt worden war.
Dass Händel für die Spielzeit Anfang 1738 neben den beiden Opern „Faramondo“ und „Serse“ auch noch das Pasticcio „Alessandro Severo“ (sein zweites auf seiner eigenen älteren Musik basierendes Pasticcio nach „Oreste“, HWV A11, von 1734) schuf, mag darauf zurückzuführen sein, dass er möglichst viel besonders gelungene Musik aus den erst in den Jahren 1736 und 1737 entstandenen und uraufgeführten Opern „Atalanta“, „Arminio“, „Giustino“ und „Berenice“ für seine Aufführungspraxis retten wollte. Wiederaufnahmen dieser noch fast neuen und wenig gespielten Opern kamen ab Ende 1737 schon deshalb für Händel nicht mehr infrage, weil er nach dem Zusammenbruch der bisherigen Londoner Opernbetriebe ein paar Monate zuvor nun für Gesangssolisten arbeitete, die für ihn überwiegend völlig neu waren. Die besagten Opern auf andere Gesangssolisten als jene zu trimmen, für die sie geschrieben worden waren, die aber nicht mehr zur Verfügung standen, war keine realistische Option für den Komponisten. 22 der 31 Musiknummern von „Alessandro Severo“ stammen aus diesen vier Opern. Die anderen sechs Werke, aus denen Händel für sein Pasticcio entlehnte, „Orlando“, „Radamisto“, „Siroe“, „Ezio“, „Arianna“ und „Ariodante“, lieferten nur je einen oder zwei Sätze, darunter einige der größten Händel-Hits wie „Nasce al bosco in rosca cuna“ („Ezio“) und „Con l’ali di costanza“ („Ariodante“).
Gessius Bassianus Alexianus (Severus Alexander, Alessandro Severo) wurde am 1. Oktober 208 im Gebiet des heutigen Syrien oder Libanon geboren. Nachdem sein Cousin, der Kaiser Elagabal, nach vierjähriger Herrschaft am 11. oder 12. März 222 im Alter von 18 Jahren ermordet worden war, wurde Alexander am 13. des Monats, also 13-jährig, nominell Alleinherrscher des Römischen Reichs. Die tatsächliche Macht jedoch lag der Überlieferung nach bei seiner (und Elagabals) Großmutter Iulia Maesa, die wohl im August 224 starb, und bei seiner Mutter Iulia Mamaea (Giulia). Mamaea scheint Severus Alexander zeit seines kurzen Lebens nur selten von der Seite gewichen zu sein und wurde auch zusammen mit ihm im März 235 bei Mogontiacum (dem heutigen Mainz) von rebellierenden Soldaten ermordet. Die der bewegenden und spannenden Handlung von Händels „Alessandro Severo“ zugrundeliegende historische Begebenheit, der Sturz der Kaiserin Gnaea Seia Herennia Sallustia Barbia Orbiana Augusta (in der Oper zum Glück nur Sallustia) aufgrund der Intrigen ihrer Schwiegermutter, lässt sich aufgrund von Münzbelegen und einer der Kaiserin 227 n. u. Z. in Afrika gesetzten Ehreninschrift in das erste Halbjahr 227 datieren. Da Apostolo Zeno die Handlung seines Librettos auf einen Jahrestag des offiziellen Beginns der Alleinherrschaft von Severus Alexander legt, spielt die Oper am 13. März 227.
Michael Pacholke
(aus [t]akte 2/2026)



