Mit dem dichten und beklemmenden Einakter „Rosse“ stößt das Theater Würzburg mehr als ein halbes Jahrhundert nach der letzten Inszenierung das Tor zu Winfried Zilligs Opernschaffen wieder auf.
Liebe, Mord, Selbstmord. Kantige Charaktere im Spannungsfeld sozialer Unterschiede. Ein Grundkonflikt, der vom Gesellschaftlichen ins Persönliche durchschlägt, wo er dem Einzelnen zur Tragödie wird. – Was sich wie das Grundrezept einer Oper anhört, gewinnt in Rosse, dem 1932 aus einer Zusammenarbeit von Winfried Zillig als Komponist und Richard Billinger als Autor geborenen Einakter, eine einzigartige und höchst eigenwillige Ausprägung.
Zillig hatte mit 27 Jahren das Studium bei seinem Lehrer und Mentor Arnold Schönberg in Berlin abgeschlossen und bereits am Landestheater Oldenburg die Einstudierung der legendären ersten Provinzaufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ maßgeblich begleitet. Billinger, fünfzehn Jahre älter, aufgewachsen zwischen bäuerlicher Feldarbeit und elterlichem Krämerladen, dann über Philosophie- und Germanistikstudium zur Literatur gelangt, hatte sich mit seinen Dramen bereits etabliert und konnte auf Erfolge etwa bei den Salzburger Festspielen und am Hamburger Thalia Theater blicken. Das Zusammentreffen der beiden Charaktere sollte sich zu einer mehrfach fruchtbaren Zusammenarbeit entwickeln.
Billingers Drama „Rosse“ war 1931 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt worden. In der Rezeption wurde die äußerliche Handlung, das Aufbegehren eines Rossknechts gegen den Einzug von Maschinen in die Landwirtschaft, mithin gegen die Moderne als Ganzes, meist in den Vordergrund gestellt. Doch bedeutender scheinen die in diesen Kontext eingebettete psychologische Ebene und die innere Verfassung der Figuren, die an Georg Büchners „Woyzeck“ erinnern. Franz, der Protagonist, ist nicht nur Ausgelieferter in seiner unterworfenen Position und Passivität. Er ist isoliert in seiner Sprachlosigkeit. Seine hilflose Gefangenschaft in einem von Handlungsoptionen abgeschnittenen Selbst muss auf die unvermeidliche maximale Katastrophe – Mord und Selbstmord – hinauslaufen, ohne dass es dazu einer mehr als skizzenhaften äußeren Handlung bedürfte. Die „Liebe“ bleibt in diesem Geschehen auf das Triebhafte reduziert, das sich ungewöhnlicherweise in der Zudringlichkeit weiblicher Figuren Bahn bricht, der sich Franz schroff, unverstanden und entgegen einer erwartbaren Geschlechterrolle entzieht. Wie häufig in Billingers Figuren offenbart sich hier ein sublim angedeuteter autobiographischer Bezug, zu seiner Homosexualität nämlich, die ihn wenige Jahre später in gefährliche Bedrängnis bringen sollte.
Zillig, der für seinen Opernerstling bewusst den Spuren von Alban Bergs „Wozzeck“ folgte, fand in Billingers kurzem Dramentext die Grundlage für ein Libretto, das parallel eine zeitgeschichtliche Milieustudie und eine psychologische Zeichnung der Figuren entfaltet. Dabei eröffnet die reduzierte Sprache entlang der Grenze zur Sprachlosigkeit Freiräume für die kompositorische Gestaltung, die durchgängig von zwölftönigem Strukturdenken durchdrungen ist. Zillig formulierte dafür sein Credo, „daß auch mittels der Zwölftontechnik dramatisches Leben und musikantischer Geist vereint sein können“. Er verwirklicht dies, indem zugängliche Strukturen wie Akkorde und Skalen den Höreindruck dominieren und in Manier der Wiener Schule volkstümliche Anklänge wie Polka und Ländler entsprechenden Szenen erkennbar und doch verfremdet zugrunde liegen. So entsteht zwischen bäuerlichem Milieu der Handlung, bewusst primitiver Sprache der Figuren und einem 1932 so individuellen wie zeitgemäßen Kompositionskonzept ein Spannungsverhältnis, dessen Potenziale in Inszenierungen unserer Gegenwart fruchtbar gemacht werden können.
Dieses viel versprechende Wagnis geht nun, fast ein Jahrhundert nach der Düsseldorfer Uraufführung vom 11. Februar 1933 und ein gutes halbes Jahrhundert nach der letzten Inszenierung, das Mainfranken Theater in Würzburg ein und bringt den Einakter auf die Bühne. Es öffnet damit die Tür zur Wiederentdeckung eines vielfältigen Opernschaffens, mit dem Winfried Zillig zu Lebzeiten vielfach auf Bühnen präsent und erfolgreich war und zudem die Oper für die damals neuen Medien Radio und Fernsehen öffnete. Die Themen und Probleme, die seine Opern widerspiegeln, haben an Aktualität nichts verloren.
Christian Lemmerich
(aus [t]akte 1/2026)



