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Mystiker unserer Zeit. Jean Barraqués Solosonate vor der Uraufführung

Jean Barraqué
Sonate pour violon seul (1949)
Uraufführung: 30.11.2009 Paris (Festival d’Automne), Carolin Widmann (Violine)
Erstausgabe. Bärenreiter-Verlag. Hrsg. von Laurent Feneyrou.
Erscheint im November 2009.

Mit der Solosonate für Violine bekommt das kleine Œuvre von Jean Barraqué einen gewichtigen Zuwachs. Das Werk aus dem Jahr 1949 steht an einem ästhetischen wie weltanschaulichen Scheidepunkt im Leben des französischen Komponisten. Am 30. November wird Carolin Widmann das Werk in Paris uraufführen.

Lange Zeit umfasste das Œuvre von Jean Barraqué nur sieben Werke, darunter eine Klaviersonate, eine Etüde für Tonband, Séquence für Singstimme und Instrumentalensemble sowie ein Konzert für Klarinette und Vibraphon. Barraqué war aber vor allem der Komponist von La Mort de Virgile nach Hermann Broch, eines im März 1956 begonnenen umfangreichen Zyklus, dessen Vollendung Krankheit und frühzeitiger Tod verhindern sollten. „… das Werk wird niemals vollendet werden. Und ich will, dass es unfertig bleibt, dass erst der Tod es vollendet – oder, genauer, unvollendet lässt –, dass sich jedoch danach rund um diesen Entstehungsprozess weitere Werke der unterschiedlichsten Richtungen herausbilden.” Auf der Grundlage von „Feuer – Der Abstieg”, des zweiten Kapitels von Brochs Roman, in dem der im Sterben liegende Autor der Aeneis der Versuchung, sein Werk zu verbrennen, widersteht, entstanden die stilistisch strengen und aufwändigen Werke … au-delà du hasard, Chant après chant und Le Temps restitué. Da entfaltet sich im Angesicht des Todes die seltsame Eintracht zwischen dem Werk und seiner Zerstörung, zwischen Klang und vollständiger Stille. Sich diesem Moment zu nähern und zu versuchen, ihn zu umschreiben, ist die Aufgabe einer Schöpfung, die bestimmt ist, dem Verfall oder der Asche preisgegeben zu werden.

Barraqué las Dostojewski, Kierkegaard und Jean Genet, aber auch Nietzsche, dessen Werk er Anfang der 1950er-Jahre durch Michel Foucault kennengelernt hatte, und im Schaffen Hermann Brochs traf er auf die meisten seiner eigenen Themen: Liebe, Genie, Rache, Auflehnung, Inzest, Freundschaft, Homosexualität, Sadismus, Begabung, Unerbittlichkeit auf schöpferischer und geistiger Ebene, Einsamkeit, nächtliches Wachen, Schlaf, das Heilige, die Krankheit zum Tode, der Wahnsinn … Sie alle finden ihren Niederschlag in L’Homme couché, einem nicht über einen vagen Entwurf hinausgekommenen Opernprojekt auf der Grundlage des dritten Aktes von Tristan und Isolde.

Um das Absolute bemüht, definierte Barraqué die Musik mit folgenden Worten: „Sie ist Drama, sie ist Erschütterung, sie ist Tod. Sie ist ein ausgemachtes Spiel, ein Beben bis zum Selbstmord. Ist die Musik nicht dieser Art, ist sie nicht ein Übertreiben bis an die Grenzen, dann ist sie nichts.” Alles Werk ist tragisch, muss sein eigenes Schicksal erfinden, und seine – offene – Form ist nicht auf ein vorgegebenes Modell angewiesen. Es zeichnet sich mithin das Gesetz eines regelhaften Tausches ab: entweder Beethoven oder Debussy. Entweder die Durchführung mit Mitteln des Ausschließens in der Mitte des ersten Satzes von Beethovens 5. Sinfonie, wenn das Thema, „abgezehrt” und auf ein Minimum reduziert, die Furcht vor einer Zerstückelung ausdrückt; oder aber La Mer, seine Phasen von Vergessenheit, seine Momente der Gerinnung, sein statisches Kreisen, was a priori jede Form verwischt.

Als Komponist serieller Musik, dabei kompromisslos, von aufbrausender Heftigkeit, auf Höhepunkte hin arbeitend, für Trost und Zuspruch unempfänglich, suchte Barraqué in seiner kombinatorischen Kunst eine lyrische Interpretation seiner selbst, eine Ethik und eine Ästhetik des Daseins, eine Art „Erhellung des Lebens”, die das Klangereignis, sein Werden und die Notwendigkeit einer Moral, die das alles formuliert, zu einer Synthese zusammenfasst: „Ich glaube, dass die Musik einen davor bewahrt, ein – um es kurz mit einem sehr groben Wort zu sagen – Schweinehund zu sein.” Barraqués Tonsprache bekennt sich also zwar zu den Regeln, Werten und Prinzipien der seriellen Musik, steht aber auch für Askese, Prüfung, Arbeit an sich selbst, für das Ausmessen der durch seine Souveränität und, mehr noch, durch die Freiheit des modernen Menschseins errungenen Wege.

Durch die Herausgabe der lange Zeit unediert gebliebenen Sonate pour violon seul lassen sich heute die Prämissen einer derartigen Kunst erkennen. Komponiert im April 1949, als Barraqué am Pariser Conservatoire Hörer in Messiaens Klasse war, stellt diese Sonate sein erstes serielles Werk dar. Am Lycée Condorcet, wo er seine allgemeine Ausbildung abschloss, entschied sich Barraqué für das Priesteramt – eingenommen von einer Neigung zum Mystizismus und nachdem er den Glauben seiner Mutter angenommen hatte. Noch im März 1949 komponierte er ein Ecce videmus Eum für Chor, einen geistlichen Gesang in klassischer Tonsprache. Doch bereits einen Monat später findet mit der Sonate pour violon seul mit ihren Spiegelungen in den drei Sätzen und mit ihrer Schlussnote, die identisch ist mit der zu Beginn, die Abkehr von der Tonalität und ihren Themen, Harmonien und Wendungen statt und zugleich die Hinwendung zum Atheismus. Der Übertritt von einem göttlichen Absoluten zu einem musikalischen Absoluten, der seriellen Musik, führt zu einem priesterhaften Verhalten des Komponisten, das in einem Brief an Pierre Boulez aus dem Jahre 1952 zum Ausdruck kommt: „Wir Schlauberger mit unseren Schöpfungen, sind wir nicht letztlich tiefgläubige Menschen, um nicht zu sagen die großen Mystiker unserer Zeit? Wenn ich diese Frage mit Ja beantworte, weiß ich auch, dass man keinen Schritt weitergekommen ist.”  

Laurent Feneyrou
(Übersetzung: Irene Weber-Froboese)

aus: [t]akte 2/2009

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