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Durch Tag und Nacht: Thomas Daniel Schlees Orgelkonzert „Horai“

Thomas Daniel Schlee
Horai. Konzertante Musik für Orgel und Kammerorchester op. 79

Uraufführung: 7.3.2014 Salzburg: Christian Schmitt (Orgel), Camerata Salzburg, Leitung: Philippe Herreweghe

Besetzung: Orgel solo – Flöte, Englischhorn, Harfe, Streicher 6,4,4,3,1, Schlagzeug (1)

Dauer: ca. 28 Minuten

Verlag: Bärenreiter, Aufführungsmaterial leihweise

Fotos: Th. D. Schlee (Carinthischer Sommer; csommi/photocase.com

Thomas Daniel Schlee – aktuell

Die faszinierenden Charakterisierungen der Stunden in der griechischen Antike sind Ausgangspunkt für Thomas Daniel Schlees drittes Orgelkonzert. Zwölf kurze, aber inhaltsreiche Sätze führen durch Tag und Nacht.

Die antiken „Horai“, die altgriechische Vorstellung von den Stunden des Tages, werden zur Inspiration für Thomas Daniel Schlees Konzert für Orgel und Kammerorchester, das er mit Unterstützung durch die Ernst von Siemens Musikstiftung im Auftrag der Camerata Salzburg schrieb. „Die Stunden bieten ein wunderbares, variables Gerüst: Diese Momente zwischen Nacht und Nacht sind Darstellungen verschiedener wesentlicher Lebensinhalte. Die Orgel wandert als ein Individuum durch diesen Ablauf, das kleine Orchester ist Firmament und Landschaft“, so der Komponist. „Eine Konzertform, in der zwölf kurze Sätze ineinander gefügt sind, kommt der Orgel mit ihrer Klangvielfalt sehr entgegen, weil man sie in jedem dieser Satzbilder anders kolorieren kann.“

In der antiken Vorstellung waren die Horen nicht feste Zeitbausteine, sondern verbanden sich mit einer Situation im Tagesablauf. „Augé“ bezeichnet das erste Licht vor dem Sonnenaufgang. „Anatolé“, der Sonnenaufgang als zweite Stunde, ist auch ein Begriff für den Osten. Dann folgen „Mousika“, die Morgenstunde der Musik und der Studien, „Gymnastika“, die körperliche Übung, und „Nymphé“, die Waschung – um nur die ersten zu beschreiben. Schlee wählt eine Orchesterbesetzung, in der die antike Vorstellungswelt lebendig wird: ein solistisch aufgefächertes Streichensemble sowie Flöte, Englischhorn und Harfe, die mit den antiken Instrumenten Panflöte, Aulos und Chitarra korrespondieren. Schlaginstrumente ergänzen sparsam das Ensemble. Die Folge der zwölf Sätze ist symmetrisch aufgebaut: In den Ecksätzen „Augé“ und „Arktos“ (Sternenhimmel) erklingt „der Gesang einer Nachtigall und schließt den Kreis. „Anatolé“ und „Dysis“ (Sonnenauf- und untergang) entsprechen einander: einmal harmonisch aufsteigend und dann krebsgängig notiert. Die Spiegelung ist zentriert im Mittag – „Mesembria“, wo die Orgel schweigt. Der größte Satz ist der achte: „Eleté“ (die Arbeit am Nachmittag), wo Orgel und Streicher in komplexer Polyphonie miteinander verknüpft sind“ (Schlee).

Entsprechend den Satzcharakteren baut sich die Färbung der Orgel auf: ausgehend vom neutralen, weichen Klang des Achtfußes hellt sie sich auf bis zu obertonreichen Färbungen des Plenums. In der Folge werden Aspekte von Teilfarben, subtilere Schattierungen ausgelotet. Jeder Satz hat ein eigenes Klangbild, eine eigene Instrumentierung. So musiziert in „Mousika“ die Orgel als Primus inter pares mit dem Streicherensemble. In „Gymnastika“ korrespondiert ein virtuoses Pedalsolo der Orgel sinnenfällig mit der Schellentrommel. „Mir ging es um die zahlreichen Assoziationen des Orgelklangs, der etwa auch ein antikes Blasinstrument evozieren kann. Man darf nicht vergessen, dass die Orgel, die uns heute als Inbegriff eines sakralen Instrumentes erscheint, dionysische Ursprünge hat.“ Und im Gegensatz zu einer symphonisch durchführenden Konzeption der Konzertform geht es hier um eine Entwicklung im kurzen, pointierten, farbenreichen Kontrast.

Marie Luise Maintz
(aus [t]akte 2/2013)

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