„Erinnerung ist etwas Heiliges“ schrieb Thomas Daniel Schlee in einem Werkkommentar. „Um sie lebendig zu erhalten, hat die Menschheit das Ritual, die von tiefem Sinn beseelte Wiederholung erfunden, denn in der Erinnerung tritt das Wissen aus der Gebundenheit der Zeit hinaus.“ Er war ein Komponist, dessen vielseitiges Werk nicht nur von meisterlicher musikalischer Durchformung und Klangsinnlichkeit geprägt war, sondern auch stets von einem gedanklichen Rahmen gehalten wurde, der weit über ein rein technisch-musikalisches Denken hinausreichte. „Thomas Daniel Schlee ist ein offener Geist und ein kultivierter Mann. Er liebt die Musik leidenschaftlich“, resümierte sein Lehrer Olivier Messiaen: „Er ist ein hervorragender Organist und ein außerordentlich begabter Komponist. Seine Werke zeugen von einem hohen geistigen Streben und einer echten Originalität hinsichtlich der ‚écriture’ und der Klangfarben.“
Die Erinnerung an Thomas Daniel Schlee, der am 10. November 2025 völlig unerwartet in Wien verstarb, gilt einem inspirierenden Künstler, der als Komponist, Organist, Musikwissenschaftler und Musikmanager zu den vielseitigsten Persönlichkeiten des Musiklebens gehörte. Und sie gilt einem vielgestaltigen Schaffen, das stets den musizierenden Menschen im Blick hatte und über sich hinauswies. „Mich fasziniert der magische Moment, in dem der Übergang von der Tonsatzaufgabe zur höchsten Kunst angesiedelt ist“, schrieb er im Zusammenhang mit seiner 2. Symphonie. Deren Anlage zielt auf den großen, ungebrochenen Orchesterklang. „Kunst muss die Möglichkeit haben, deutliche Thesen aufzustellen. Es geht also nicht darum, melodische Linien zu zerbrechen oder Farbigkeit sofort wieder zu zerstäuben, sondern innerhalb einer Entwicklung zu einem schönen Klang zu gelangen.“ Vorausschauend auf seinen runden Geburtstag im Jahr 2027 war die Komposition seiner 3. Symphonie schon weit fortgeschritten, der noch weitere folgen sollten.
Thomas Daniel Schlee wurde 1957 in Wien geboren. Er studierte Orgel, Komposition und Musikwissenschaft in Wien und Paris bei Michael Radulescu, Jean Langlais, Olivier Messiaen und Francis Burt. Als Organist konzertierte er in ganz Europa, wirkte an Rundfunkproduktionen und CD-Aufnahmen mit, fungierte als Juror in internationalen Wettbewerben sowie als Herausgeber. Von 1990 bis 1998 war er Musikdirektor des Brucknerhauses Linz und künstlerischer Leiter des Internationalen Brucknerfestes, von 1999 bis 2003 Stellvertreter des Intendanten des Internationalen Beethovenfests Bonn und von 2004 bis 2015 Intendant des Festivals Carinthischer Sommer.
Schlee hat zahlreiche Werke für Orchester, Vokal- und Kammermusikbesetzungen sowie Werke für und mit Orgel publiziert. 2005 wurde er zum Officier des Arts et Lettres ernannt, 2010 wurde ihm der Österreichische Kunstpreis für Musik, 2012 das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen. Für die Komposition „Bild und Gleichnis – Sechs Betrachtungen der Heilsgeschichte“ für Orgel op. 92 wurde Schlee 2023 der Kirchenmusikpreis der Stadt Saarlouis zuerkannt. Zahlreiche wichtige Werke wie die Kirchenoper „Ich, Hiob“, seine großen Orchesterwerke, die Symphonien, das Orgelkonzert Rufe zu mir weisen sakrale Themen auf, die als kompositorisches Beziehungsgeflecht subkutan wirken. Im Orgelkonzert etwa tritt ein „heiliger“ Klang auf, der auf Messiaen Bezug nimmt: „Diese einfache Gegenwart hat eine wunderbare Entsprechung in den gotischen Kathedralen, in denen selbst die nicht sichtbaren Bauelemente kunstvoll gestaltet sind.“
Der Bärenreiter-Verlag nimmt mit großer Trauer Abschied von Thomas Daniel Schlee. Er war ein liebenswerter Freund der Verlegerfamilie.
Marie Luise Maintz
(aus [t]akte 1/2026)



