Ruth Zechlins variantenreiche und vielschichtige Musik und das fesselnde Libretto machen die Oper „Sommernachtsträume. Die Salamandrin und die Bildsäule“ zu einem bühnenwirksamen Stück. Die Uraufführung kann noch vergeben werden.
Die Komponistin Ruth Zechlin würde am 22. Juni 2026 hundert Jahre alt. Ihr vielseitiges Schaffen in praktisch allen Gattungen fußt auf verschiedensten musikalischen Einflüssen, unter denen die Kompositionsprinzipien Johann Sebastian Bachs im Zentrum stehen: polyphone Stimmführung, Durchhörbarkeit, Filigranität und Unsentimentalität prägen auch ihre Werke.
Im Musiktheater schuf Zechlin vor „Sommernachtsträume“ bereits „Reineke Fuchs. Oper für Schauspieler nach Goethe“ (UA Berlin 1968) sowie die Kammeropern „Die Reise“ auf ein Libretto von Heiner Müller (Saarbrücken 1998) und „Elissa“ (Passau 2005). In Gesprächen beschrieb sie ihre Faszination für das Musiktheater des 20. Jahrhunderts, so u. a. Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ und „Schönbergs Pierrot lunaire“.
Die Komposition der Oper „Sommernachtsträume. Die Salamandrin und die Bildsäule“ auf ein Libretto von Fritz Göhler nach der Erzählung von Christoph Martin Wieland begann Zechlin 1977 und vollendete sie Ende der 1980er-Jahre. Das Werk kam in der Wendezeit in die Mühlen des sich wandelnden Kulturbetriebs und wurde schlussendlich nicht uraufgeführt, sondern harrt noch seiner Realisierung auf der Opernbühne.
Der Stoff strahlt eine faszinierende Gleichzeitigkeit von Zartheit und Kraft, Ästhetik und Lebensweisheit aus, ist zurückhaltend und energiegeladen gleichermaßen. Anspielungen an Shakespeares „Sommernachtstraum“, zudem an den Pygmalion-Stoff, sind offensichtlich. Die Märchenhaftigkeit, aber auch die Allgemeingültigkeit machen das Werk auch heute interessant.
Die Handlung bewegt sich um sechs Personen, zwei Väter mit jeweils einem Sohn und einer Tochter. Die Väter sind Philosoph und Bildhauer, die Söhne ebenfalls. Letztere ringen mit ihren übersteigerten Zukunftserwartungen an sich, an ihre Profession, aber auch an eine zum überirdischen Wesen hochstilisierte geliebte Begleiterin. Eine der Familien ist durch Kriegsumstände als Flüchtlinge in der Heimat der anderen aufgenommen; die Mädchen sind Freundinnen, es kommt zu Annäherungen, Verwirrungen, Enttäuschungen und Missverständnissen, bevor sich die jungen Menschen endgültig paarweise finden.
Faszinierend ist die Feinfühligkeit, die Variantenbreite, mit der hier über aufkeimende Liebe, gegenseitige Anziehung und Begehren gesungen und musiziert wird. Das Libretto strahlt ebenfalls diese feine Präzision und Emotionalität aus. Zechlin erfand verschiedene musikalische Schichten für die differenzierte Umsetzung des Stoffes: erstens die „Normalmusik“ für alle Handlungen innerhalb des Stoffes, zweitens eine „Geräusch- und Waldmusik“ für die zauberische Welt des Waldes und der Salamandrin, eines Zwischenwesens zwischen Frau und Geist, in die sich eines der Mädchen verwandelt, und drittens einen elektronischen Klang für die Bildsäule, eine Statue, die das andere Mädchen zeigt.
Für Zechlin ist Musik nicht Zutat zum Libretto, bei ihr kann der Text klingen und die Musik erzählen. Sie gestaltet mit ihrem feinen Gespür für Klänge, Klangfarben, Stimmführung und stimmlichen Ausdruck. Das erklärte Ziel ist eine große Textverständlichkeit, um das poetische Libretto wirken zu lassen. Eine Besonderheit der Musik ist die vielfältige Instrumentation. Die Komponistin kombiniert die Instrumente zu atmosphärischen Klangfarben, die Personen und Stimmungen charakterisieren und die Stimmen hervortreten lassen. Hervorzuheben ist die sehr differenzierte Schlagwerkbehandlung, die interessante Geräuschkomponenten hervorbringt, neben allen denkbaren gängigen Instrumenten u. a. erzeugt durch Blockflötenmundstücke, Stricknadeln an hängenden Glas- und Metallstäben, Muscheln usw.
Die variantenreiche und vielschichtige Musik und das fesselnde Libretto verbinden sich zu einem intimen Musiktheater, dessen Themenkomplex zeitlos ist: Es entfaltet sich ein Wechselspiel zwischen Realität und Traum, in das zudem ein Generationenkonflikt hineinspielt, worin die Kinder ihre eigenen Ziele unabhängig von den Vätern durchsetzen. Junge Menschen werden in ihrer Suche nach dem für sie richtigen Leben und Lieben gezeigt, der Suche nach der Realisierung ihrer Wünsche und der Suche nach dem Sinn des Lebens. Die jungen Frauen bringen die illusionsverirrten jungen Männer durch Enttäuschung wieder in die Realität zurück und machen Liebesbeziehungen möglich.
Katrin Stöck
(aus [t]akte 1/2026)



