Mit der Neunten öffnete Bärenreiter 1996 ein neues Kapitel der Verlagsgeschichte. Heute sind die Editionen von Jonathan Del Mar und anderen Standard in der Musikwelt, auch im Gedenkjahr 2027.
Beethovens Werke stehen erst seit dreißig Jahren im Fokus des Bärenreiter-Verlags, die wissenschaftlich-kritischen Ausgaben schrieben Verlagsgeschichte. Die Beethoven-Ausgaben entstanden unabhängig von einem Gesamtausgabenprojekt und verfolgen von Anfang an eine doppelte Zielsetzung: Sie sollen gleichzeitig höchsten wissenschaftlichen Standards genügen und in der musikalischen Praxis direkt verwendbar sein.
Zwischen 1996 und 2000 erschienen zunächst alle neun Symphonien in Partitur und Stimmen. Das Projekt wurde vom damaligen Bärenreiter-Lektor Douglas Woodfull-Harris und dem britischen Dirigenten und Musikwissenschaftler Jonathan Del Mar angestoßen und durchgeführt. Del Mars Editionsarbeit bot den Notentext für so bahnbrechende Aufnahmen wie jene der Hanover Band (die erste Einspielung der Beethoven-Symphonien auf historischen Instrumenten) oder Sir Simon Rattles viel beachteten Symphonien-Zyklus mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra im Jahr 1995. Zwar hatte es im 20. Jahrhundert schon verschiedene, durchaus auch wissenschaftlich-kritische Neuausgaben einzelner Symphonien Beethovens gegeben, jedoch keine Komplettedition. Nicht nur Charles Mackerras hatte konstatiert, dass „der Bedarf an wissenschaftlichen Urtext-Ausgaben bei Beethoven größer ist als bei jedem anderen großen Komponisten“. Entsprechend groß war das Interesse an Del Mars Arbeit: „Es ist höchste Zeit für eine zuverlässige Ausgabe dieses berühmtesten aller Symphonien-Zyklen“, schrieb etwa Sir John Eliot Gardiner an den Verlag, „und Jonathan Del Mar ist der richtige Mann, um dieses wichtige Projekt anzugehen.“ Für den Bärenreiter-Verlag, der bis dahin kein nennenswertes Beethoven-Segment im Verlagsprogramm hatte, war das Projekt eine Herausforderung. Mit großer Geschwindigkeit und Effizienz erschienen alle neun Symphonien innerhalb von nur vier Jahren. Jonathan Del Mars Ausgaben setzten sich sofort in der Praxis durch. Ihre unmittelbare Verwendung für Aufführungen, etwa durch Sir John Eliot Gardiner, Sir Georg Solti, Sir Roger Norrington, Sir Colin Davis und Franz Welser-Möst, und für die Aufnahme des Gesamtzyklus durch David Zinman mit dem Tonhalle-Orchester Zürich wurde in der Presse rege diskutiert. Die Öffentlichkeit, die noch ein gewisses Unbehagen gegenüber der neuen Ausgabe verspürte, wurde beruhigt: „Die Neunte klingt noch gleich, und genauso die Fünfte. Beethoven ist nach wie vor Beethoven – nur einfach ein bisschen mehr er selbst“ (Associated Press, Jan. 1997). Del Mars Edition gilt seither als unverzichtbar für Aufführungen und Aufnahmen der Beethoven-Symphonien weltweit und gehört zu den erfolgreichsten Titeln im Bärenreiter-Programm. Nach Erscheinen der Symphonien wandte sich Bärenreiter zusammen mit Del Mar in gleicher Weise auch den anderen Gattungen zu.
Es erschienen alle Sonaten und Variationen für Klavier und Violoncello, sämtliche Streichquartette und Klaviertrios, das Violin- und das Tripelkonzert, die Romanzen für Violine und Orchester, das Septett, sämtliche Klaviersonaten (als Urtext und mit Fingersätzen von Marc-André Hamelin) und Klavierkonzerte sowie die Ouvertüren zu „Die Geschöpfe des Prometheus“, „Coriolan“ und „Egmont“.
Das Beethoven-Programmsegment wurde mit Ausgaben anderer Herausgeber ergänzt: Barry Cooper edierte die Messe in C-Dur, die „Missa solemnis“ sowie den Liederzyklus „An die ferne Geliebte“, Mario Aschauer gab die „Diabelli-Variationen“ und die „Bagatellen“, Clive Brown sämtliche Violinsonaten heraus, und die Klavierquartette WoO 36 erschienen in einer Ausgabe von Leonardo Miucci. 2027 erscheint zudem Beethovens Opus 16 in den Fassungen für Quintett für Klavier und Bläser sowie Klavierquartett, ebenso herausgegeben von Leonardo Miucci. In Kollaboration mit dem Henle-Verlag kann der Bärenreiter-Verlag zudem die Oper „Fidelio“, beginnend mit Christine Siegerts kritischer Edition der Leonore 1805, sowie alle drei Fassungen der „Leonoren“-Ouvertüre, jeweils herausgegeben von Helga Lühning, als Leih- bzw. Kaufmaterial anbieten
Emanuel Signer
(aus [t]akte 1/2026)



