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„Ein Meisterwerk, aber kein Ballett“. Maurice Ravels „La Valse“ neu ediert

Maurice Ravel
La Valse. Poème chorégraphique für Orchester. Hrsg. von Douglas Woodfull-Harris

Verlag: Bärenreiter, BA09043, Aufführungsmaterial käuflich 

Bild: Wilhelm Gause (1853–1916): Hofball in Wien (1900)

In schwieriger Zeit komponiert, in der Genrezuschreibung nicht eindeutig: Dennoch ist Maurice Ravels „La Valse“ heute Bestandteil des sinfonischen Repertoires. Die Bärenreiter-Ausgabe setzt einen neuen Standard.

Mit seinem „Poème chorégraphique“ La Valse war Maurice Ravel gleich in doppelter Hinsicht zwischen die Fronten geraten. „Wien“ sollte die Komposition heißen, als er sich 1906 erstmals mit einer Hommage an den hochgeschätzten Walzerkönig Johann Strauß befasste. Doch bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschien ihm ein Sujet, das schon dem Titel nach mit dem Feind verbunden war, nicht mehr zu rechtfertigen – das Werk blieb unfertig liegen. 1919 nahm Ravel die Arbeit wieder auf und fand einen neuen, unverfänglichen Namen: „es wird jetzt ,La Valse‘ heißen“, schrieb er dem Leiter der Pariser Opéra, wohl schon mit dem Gedanken an eine Aufführung durch Serge Diaghilews Ballets Russes. Doch Diaghilew erteilte dem Stück jene oft zitierte Absage, die das Schicksal von La Valse unwiderruflich besiegelte: „Ravel, das ist ein Meisterwerk, aber kein Ballett. Das ist das Abbild eines Balletts, das Gemälde eines Balletts.“ Die Türen der Opéra blieben dem Werk also (zunächst) verschlossen, stattdessen begann es, in den Konzertsälen zu reüssieren: Das Orchestre des Concerts Lamoureux unter Camille Chevillard gab am 12. Dezember 1920 in der Pariser Salle Gaveau den glänzenden Auftakt, und schon drei Jahre später konnte das Neue Wiener Journal von Ravels inzwischen „weltbekannter ‚Valse‘“ sprechen. Eine gewisse Ratlosigkeit aber blieb angesichts der Tatsache, dass Terpsichore doch eigentlich ein hübsches Geschenk erhalten hatte, „La Valse“ aber im Repertoire der Konzertgesellschaften gefangen war.

Zwei Aspekte mögen zu dieser Konstellation beigetragen haben: Zum einen hatte sich Ravel nach Diaghilews Absage in den Kopf gesetzt, das Recht der Erstinszenierung müsse unbedingt der Wiener Oper, „der Stadt des romantischen Walzers“, vorbehalten bleiben – diesbezügliche Pläne zerschlugen sich jedoch bald. Zum anderen hatte Diaghilew zielsicher jene strukturellen Eigenheiten des Werks entlarvt, die bereits das der Partitur vorangestellte Programm aufzeigt: „Wabernder Nebel gibt vereinzelt den Blick auf Tanzpaare frei. Nach und nach lösen sich die Schwaden auf und man erkennt einen riesigen Saal mit einer wirbelnden Menschenmenge. Die Szenerie erhellt sich allmählich. Die Kronleuchter erstrahlen. Ein kaiserlicher Hof, um 1855.“ Indem Ravel nur eine Szenenanweisung entwarf, einen Plot aber aussparte, fehlt „La Valse“ eine darstellbare Handlung, das „choreographische Gedicht“ wird zur symphonischen Dichtung.

Doch worum geht es in „La Valse“? Wie breit das Spektrum der Interpretationsansätze von Anbeginn war, überraschte selbst Ravel, der all den Deutungsversuchen in einem Interview seine ursprüngliche Idee entgegensetzte: „Einige sahen in meinem Walzer den Ausdruck einer tragischen Begebenheit; andere sagten, er stelle das Ende des Zweiten Kaiserreichs dar; wieder andere meinten, es sei das Wien der Nachkriegszeit. Das ist alles ein Irrtum. Natürlich ist der Walzer tragisch, aber im griechischen Sinne: Er ist verhängnisvolles Kreiseln, er ist Ausdruck des Taumelns und der Sinnlichkeit des Tanzens, der bis zur Ekstase getrieben wird.“ Freilich sind die Bezüge zum Strauß’schen Walzer, die das Wiener Publikum bei Aufführungen in den frühen 1920er-Jahren mit großem Wohlgefallen konstatierte, unverkennbar: Bis heute fasziniert Ravels Spiel mit den harmonischen Wendungen, rhythmischen Mustern und melodischen Formeln des Wiener Urbilds, und so hat „La Valse“ – wenn auch anders als von Ravel intendiert – den Weg in die Musikwelt gemacht!

Für die Bärenreiter-Neuausgabe hat der Herausgeber Douglas Woodfull-Harris sämtliche zugängliche Quellen, darunter auch jene zu den Klavierfassungen, herangezogen. Als Hauptquelle fungiert ein korrigiertes Exemplar der bei Durand erschienenen Erstausgabe (Lucien Garban Collection, Walter W. Stiern Library, California State University, Bakersfield). Berücksichtigt wurden erstmals auch Lesarten sowie Spieldauerangaben aus dem Aufführungsmaterial der San Francisco Symphony, das am 3. Februar 1928 zum Einsatz kam, als Ravel das Werk dort dirigierte.

Gudula Schütz
(aus [t]akte 1/2026)

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