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Eindringlich und verdichtet. Zur Neuedition von Franz Schuberts Messe in G

Franz Schubert
Messe in G (D 167). Hrsg. von Christine Martin. Neue Schubert-Ausgabe I/1b, BA05583-01

Besetzung: Soli: STB, Chor: SATB, Trp ad lib (2), Pk ad lib., Str, Org

Verlag: Bärenreiter, praktische Ausgabe BA05583, Partitur und Aufführungsmaterial der zweiten Fassung käuflich

Franz Schuberts Messe in G-Dur, die er als Siebzehnjähriger schrieb, war ein Erfolg für den jungen Komponisten. Nun gibt es in der Gesamtausgabe und als praktisches Material eine verlässliche Neuedition.

Franz Schuberts zweite „Messe in G“ (D 167) entstand im März 1815, ein halbes Jahr nach dem ersten großen Erfolg des jungen Komponisten mit seiner „Messe in F“ (D 105), die im September 1814 zum hundertjährigen Jubiläum der Pfarrkirche in der Wiener Vorstadt Lichtental aufgeführt worden war.

Die „Messe in G“ war zunächst als „Missa brevis“ mit Streichern und Orgel für den sonntäglichen Gebrauch gedacht. In zeitlicher Nähe zur autographen Partitur stellte der Komponist jedoch einen Stimmensatz der Messe her, der auch Trompeten und Pauken ad libitum enthielt. Dies lässt vermuten, dass sie auch an Festtagen aufgeführt wurde. Während des Kopierens der Stimmen revidierte Schubert die einzelnen Partien an vielen Stellen. Bei den Abweichungen gegenüber seiner Partitur handelt es sich jedoch überwiegend um aufführungspraktische Varianten. Dennoch verleiht die um Trompeten und Pauken erweiterte Besetzung der Messe einen anderen Charakter, der nicht nur für den liturgischen Gebrauch relevant erscheint. Außerdem enthalten die Stimmen eine wohl während der ersten Aufführungen erfolgte Streichung im Credo (vgl. 
T. 133–140 der ersten mit T. 133–137 der zweiten Fassung). So lassen sich zwei Fassungen der Messe unterscheiden, ohne dass man die spätere Version des Stimmensatzes als eine ausgereiftere oder die ursprüngliche der autographen Partitur als die eigentlich intendierte und nur für die Praxis revidierte Werkgestalt definieren kann. In der bisherigen Rezeption der G-Dur-Messe wurden beide Fassungen häufig miteinander vermischt. Die 2025 erschienene Edition in der „Neuen Schubert-Ausgabe“ trennt erstmals konsequent beide Versionen und ermöglicht so einen neuen Blick auf die Entwicklung und die historische Aufführungspraxis dieses Werks.

Zu Unrecht hat man Schuberts frühe Messen als reine Gebrauchsmusik eingestuft. Auch wenn die G-Dur-Messe in Umfang und Besetzung schlicht erscheint, gelang ihm gerade in der konzentrierten Form der Missa brevis eine besonders eindringliche und verdichtete musikalische Ausdeutung des Messtextes. Die eingängige Melodik wird durch ungewöhnliche harmonische Wendungen jeglicher Banalität enthoben, etwa wenn die harmlose Kyrie-Melodie in der Wiederholung überraschend in die Moll-Subdominante ausweicht oder wenn jede Bitte im Agnus Dei bereits im zweiten Takt in die parallele Durtonart gleitet. Exemplarisch für Schuberts kompositorischen Anspruch steht das Credo, das einer in Wien gepflegten Tradition, der sogenannten „Credo-Messe“, folgt. Das chorische Deklamieren zu einer durchlaufenden, kontrapunktisch gesetzten Bassstimme erinnert an den kirchenmusikalischen Stil der „alten“ Meister und kompensiert damit indirekt den Verzicht auf eine Fuge am Ende des Satzes. Zugleich suggeriert das weitgehend im Pianissimo deklamierte Glaubensbekenntnis eine neue, von Respekt, Staunen und möglicherweise auch Zweifel geprägte Haltung der Gläubigen im frühen 19. Jahrhundert. Ob diese auch mit der persönlichen Glaubenshaltung des Komponisten übereinstimmte, kann nur vermutet werden.

Wie in allen Messen Schuberts zeigen sich auch in der G-Dur-Messe Auslassungen bestimmter Teile des liturgischen Textes, die hinsichtlich ihrer theologischen Bedeutung viel diskutiert, aber in der kirchenmusikalischen Praxis des 19. Jahrhunderts stillschweigend toleriert wurden. Sie waren wohl nicht ausschlaggebend für die zurückhaltende Rezeption von Schuberts Messen in der Wiener Kirchenmusik seiner Zeit. Vielmehr pflegten die Wiener Kirchengemeinden damals generell ein konservatives Repertoire, das sich stilistisch an den als Klassiker verstandenen Komponisten Mozart, Joseph und Michael Haydn orientierte, während modernere Kirchenmusik selten erklang. Erst im späteren 19. Jahrhundert wurde Schuberts G-Dur-Messe wiederentdeckt und erfreut sich seitdem einer ungebrochenen Popularität.    

Christine Martin
(aus [t]akte 1/2026)

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