Es bleibt eine zitternde Bebung … von Michael Jarrell ist ein Auftragswerk des WDR Köln (mit Unterstützung der Stiftung Pro Helvetia) und kam am 1. November 2007 in der Kölner Philharmonie zur Uraufführung. Der Untertitel Nachlese III weist darauf hin, dass das Werk zu einem Zyklus gehört. Dessen Ausgangspunkt ist Michael Jarrells vor nicht langer Zeit komponiertes Stück Nachlese für Streichquartett, das im August 2007 im Rahmen des Lucerne Festival vom Carmina Quartett uraufgeführt wurde. Darauf folgte die Uraufführung von Nachlese II für Violine und Violoncello bei „Musica 2007“ in Straßburg durch die Solisten des Ensemble Contrechamps. Es bleibt eine zitternde Bebung … ist ein Doppelkonzert für Klarinette, Violoncello und Orchester, für das zu einem bereits bestehenden Stück für Klarinette und Violoncello der orchestrale Kontext geschrieben wurde. So wie ein Porträt von Giacometti durch die Anhäufung von Strichen einen Gesichtsausdruck und einen Blick bekommt, so erhält das Schaffen Jarrells eine bestimmte Prägung, indem er seine Werke immer wieder überarbeitet.
Jarrells neue Komposition hat ihren Ursprung in dem Stück Bebung für Klarinette, Violoncello und Instrumentalensemble (1995). Wie auch bei dem Duo Aus Bebung für Klarinette und Violoncello (1996) gründet die Kompositionsweise auf einer bestimmten Auffassung des Begriffs der Bebung: „Bebung ist eine Art Vibrato, wie sie der Technik und der Bauweise des Clavichords eigen ist. Sie entsteht durch eine Modifizierung des Fingerdrucks auf die Taste des Instruments, was zu ganz leichten Veränderungen der Tonhöhe führt”, erklärt dazu Michael Jarrell.
Der Komponist geht also von einer alten Technik aus und gibt ihr eine zeitgenössische Form. Tonsatz, melodische Wendungen, Details und Gesamtheit sind ganz von diesem Konzept bestimmt. Aber auch in der Verbindung der drei Werke untereinander herrscht eine Art Vibrato, eine feine Variation eines einzigartigen Klangeffekts. Zwischen Bebung, Aus Bebung und Es bleibt eine zitternde Bebung … bestehen Schwingungen. Und die Wahrnehmung des Zuhörers wird jedes Mal auf etwas Anderes gelenkt. In Es bleibt eine zitternde Bebung … entfaltet der Orchesterpart die ganze instrumentale Bandbreite und erzeugt so sehr wirkungsvolle Effekte und ungemein reiche Klänge.
In der gleichen Weise sind die beiden Fassungen von Congruences miteinander verbunden. Die erste Version (1988/89) wurde für Midi-Flöte, Oboe, Instrumentalensemble und Elektronik geschrieben, die zweite Version (1991) für Flöte, Oboe und Orchester. Im Anschluss an diese beiden Werke entstand das Stück Sillages für Flöte, Oboe, Klarinette und Orchester.
Ein solch vielfältiges Kompositionsverfahren vermag alle Möglichkeiten zu ergründen, welche die Gattung des Konzertes bietet, die im Übrigen für den Schweizer Komponisten schon seit vielen Jahren ein fruchtbares Wirkungsgebiet darstellt. Nach Bebung komponierte Michael Jarrell …prisme / incidences … für Violine und Orchester (1998), Un long fracas somptueux de rapide céleste … für Schlagwerk und Orchester (1998/2001), Droben schmettert ein greller Stein für Kontrabass, Instrumentalensemble und Elektronik (2001), Abschied für Klavier und Orchester (2001, Uraufführung im Rahmen von „Musica 2005”) und, in jüngster Zeit, … un temps de silence … für Flöte und Orchester, uraufgeführt von Emmanuel Pahud und dem Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Heinz Holliger. Die Konzerte für Violine bzw. Klavier und Orchester erfuhren eine nachträgliche Version für Soloinstrument und Instrumentalensemble. Man kann sagen, dass Jarrell die Musik wie Materie behandelt, die er plastisch gestaltet. Sein Werk ist wie die Leinwand eines Malers, und die Farben darauf stellen seine Stücke dar.
Eine Einspielung der Werke … prisme / incidences …, Sillages und Abschied erschien im September 2007 beim Label aeon, ergänzt durch eine von Michael Jarrell vorgenommene Instrumentierung dreier Etudes von Claude Debussy.
Benoît Walther
(aus takte 1/2008)
Bebungen. Neue Werke von Michael Jarrell
Michael Jareell (Foto: GTG/François Grobet)
Die Komposition Michael Jarrells erscheinen bei den Editions Henry Lemoines (Vertrieb: Alkor-Edition)



