Ein Meilenstein der Oper des 20. Jahrhunderts: Rechtzeitig zum 150. Geburtstag von Franz Schreker im Jahr 2028 ist eine neue kritische Ausgabe seiner Oper „Christophorus“ in Vorbereitung. Seine „Vision einer Oper“ ist zugleich Bekenntnis und fesselndes Drama.
Franz Schrekers „Christophorus“ sollte 1933 in Freiburg im Breisgau uraufgeführt werden, doch die Politik intervenierte und das Werk kam, ebendort, erst 1978 auf die Bühne, ein Erfolg bei Publikum und Kritik. Spätere Aufführungen in Wien (konzertant), Kiel und Tokio bestätigten, was Reinhard Beuth bereits 1978 schrieb: „Die Oper eröffnet einen Ausblick auf die Geisteswelt der zwanziger Jahre, wie er sonst auf dem Musiktheater nicht vorkommt.“ Der Zustand der handschriftlichen Partitur und des Stimmenmaterials erschwerte die weitere Verbreitung. Die Franz-Schreker-Stiftung bereitet nun eine neue kritische Ausgabe des Werks vor, in der Fehler und Auslassungen in der Partitur korrigiert werden und die ursprüngliche dreiaktige Struktur wiederhergestellt wird, um das Werk rechtzeitig zum 150. Geburtstag von Schreker im Jahr 2028 neu zu etablieren.
Das zwischen 1925 und 1929 entstandene Werk „Christophorus oder ‚Die Vision einer Oper‘“ weist viele Merkmale einer Zeitoper auf. Es ist rasant, in der Gegenwart angesiedelt und enthält bissige satirische Kommentare zu einer Reihe sozialer und kultureller Themen. Doch im Kern ist „Christophorus“, dem Komponisten Arnold Schönberg gewidmet, eine Bekenntnisoper: zugleich eine tiefgründige Meditation über den schöpferischen Prozess und ein Credo, das Schrekers Grundüberzeugungen über die Beziehung zwischen Kunst und Leben zum Ausdruck bringt.
Die Form der Oper ist ungewöhnlich, und Schreker beschrieb sie als „ein Mittelding zwischen Schauspiel, Melodram und Oper“. Tatsächlich handelt es sich um ein bahnbrechendes Stück pirandellischen Metatheaters, das sich auf drei dramatischen und zeitlichen Ebenen abspielt. In einem Prolog stellt der enigmatische Meister Johann seinen Schülern die Aufgabe, ein Streichquartett nach der Legende des heiligen Christophorus zu komponieren. Dessen Suche nach dem mächtigsten aller Herren führt ihn dazu, zunächst dem Kaiser zu dienen, dann dem noch furchterregenderen Teufel und schließlich jener Macht, die hinter dem Kruzifix steht – jenem Symbol, das den Teufel so sehr in Schrecken versetzt. Auf den Rat eines Eremiten hin widmet sich der sanftmütige Riese jahrelang der Aufgabe, Reisende über einen Fluss zu tragen, bis ihn eines Nachts ein Kind um Hilfe bittet. Es ist eine unerwartet schwere Last, und das Kind offenbart, dass es das Gewicht der Welt trägt: „Weil du mich auf deiner Schulter getragen hast, sollst du fortan Christophorus heißen – Christusträger.“
Anselm, Meister Johanns begabtester Schüler, lehnt den Auftrag ab und beschließt stattdessen, eine Oper zu schreiben – eine moderne Umdichtung der alten Legende. In seiner Vision besetzt er die Hauptrollen mit sich selbst und Meister Johanns Tochter Lisa; zudem erfindet er eine dritte Figur, den Komponisten Christoph. Dieser verkörpert einen modernen Christophorus, der zunächst der Kunst, später jedoch seiner Liebe zu Lisa und dem neugeborenen gemeinsamen Kind dient. Nach der im Eifersuchtswahn begangenen Ermordung Lisas sucht er Zuflucht im Opium und dem Übernatürlichen. Anselm, der Schöpfer, weiß danach nicht, wie er seine Oper vollenden soll. In einem überraschenden dramatischen Kniff rebelliert Christoph offen, und auf Drängen seines Kindes löscht er die Lichter des Theaters aus, woraufhin Anselms Vision und die Phantome seiner Einbildungskraft zerfallen. Im Epilog tritt schließlich die dritte erzählerische Instanz in den Vordergrund: Meister Johann, der Anselm mit dem ursprünglichen Auftrag auf eine Reise der Selbsterkenntnis geführt hat: „Fernab der Lichtwelt, der Welt des Scheins, wird dir das Ende der Legende des heiligen Christoph: Musik und nichts weiter – ein Quartettsatz, mein Sohn.“ Damit erweist sich Anselm – und nicht seine fiktive Bühnenfigur Christoph – als die moderne Christophorus-Gestalt. Die Klänge eines Streichquartett-Andantes beschließen die Oper.
Der besondere Reiz von „Christophorus“ liegt in der Meisterschaft, mit der Schreker drei miteinander verwobene Erzählstränge ausbalanciert. Anselms Opernvision ist eine fesselnde, oft melodramatische Geschichte von Leidenschaft, Eifersucht und Reue; sie verläuft parallel zu Anselms eigenem schöpferischen Ringen: Er schlüpft immer wieder aus seiner fiktiven Rolle, um die entstehende Oper zu kritisieren, mit seinen widerspenstigen Figuren zu kämpfen und an seiner Unfähigkeit zu verzweifeln, eine dramatische oder musikalische Entsprechung für den Schluss der Legende zu finden. Über diesen beiden Strängen steht die stille Präsenz Meister Johanns. Wie der Eremit in der Legende hat er Anselm nicht nur auf dessen Weg zur Erleuchtung geführt, sondern verbindet zu Beginn des Epilogs christliche Allegorie mit daoistischer Weisheit, indem er Verse aus Laotses „Tao-te-king“ rezitiert.
„Christophorus“ ist ein schlankes, straff gefügtes Werk – eine Kammeroper von unter zwei Stunden Dauer mit kleiner Besetzung, minimalem Chor und einem rund 45-köpfigen Orchester, das zwischen dem transparenten Geflecht einzelner Linien und Höhepunkten von überwältigender Intensität zu wechseln vermag. Zudem zeichnet sich das Werk durch eine ungewöhnliche Fluidität aus. Anselms Visionsszenen gehen nahtlos ineinander über und greifen Techniken der Filmsprache auf, wie sie erstmals in „Der ferne Klang“ erprobt wurden. Die Oper ist geprägt von einem raschen Wechsel zwischen Sprechgesang, Arioso, lyrischem Belcanto und dramatischen Ausbrüchen; die satirischen Elemente sind vorwiegend Sprechrollen vorbehalten, darunter ein herrlich salbungsvoller Musikkritiker sowie ein Scharlatan-Spiritist mitsamt seinem Medium.
Die drei Hauptrollen bieten für die Darsteller reizvolle Herausforderungen. In Anselms Fantasie verfällt Lisa (lyrisch-dramatischer Sopran) seinem verführerischen Einfluss; doch sie wehrt sich gegen das Eindringen von Dämonen. Der imaginäre Christoph (Heldenbariton) erscheint anfangs als eindimensionale Kunstfigur; seine Musik ist steif, unnachgiebig und voller Klischees. Indem er zunehmend seinen eigenen Willen durchsetzt, gewinnt seine Musik an Komplexität und tieferem Ausdruck und entwickelt eine ganz eigene Individualität. Die Partie des Anselm (lyrisch-dramatischer Tenor) verlangt nach einem Künstler von seltener musikalischer und darstellerischer Begabung, ist er doch während der gesamten Aufführung auf der Bühne präsent. Als Schöpfer und zugleich Figur seiner eigenen Oper ist er gleichermaßen charmant wie manipulativ und leidet zugleich unter seinem schöpferischen Dilemma.
Schrekers meisterhafte Handhabung der dramatischen Dynamik verleiht jedem der drei genannten Erzählstränge eine unverwechselbare instrumentale und harmonische Textur. Die Geschichte um Christoph, Lisa und deren „Puppenspieler“ Anselm eilt mit stetig wachsender chromatischer Intensität auf die theatralische Auflösung zu, während Anselms kühle Kalkulationen – ruhig und von unheimlicher Dissonanz geprägt – allmählich einer panischen Verzweiflung weichen. Die Szenen um Meister Johann – verknüpft mit der majestätischen, modalen Statik der Legenden-Erzählung im Prolog und der Rezitation von Laotses Versen im Epilog – bilden ein Fundament souveräner Ruhe. Mit dieser neuen kritischen Ausgabe kann „Christophorus“ endlich seinen Platz als einer der Meilensteine der Oper des 20. Jahrhunderts einnehmen.
Christopher Hailey
(aus [t]akte 2/2026)


