In seinem neuen Stück „Litanei“ verdichtet Beat Furrer Verse von Ingeborg Bachmann zu einem intensiven Klangraum zwischen Sprachlosigkeit, Sprachsuche und Schrei.
Die venezianische Renaissance-Dichterin und Musikerin Gaspara Stampa (1523–1554) begegnet Ingeborg Bachmann über vier Jahrhunderte hinweg, über Sprach- und Zeitgrenzen hinaus. Aus den Stampa gewidmeten Texten aus dem Nachlass der Schriftstellerin schöpft Beat Furrer die Grundlage für sein neues Werk für Sopran, Bassklarinette und Streichquartett: „Litanei“. Zur Uraufführung kommt das Werk im Juni beim „Coming Together“-Festival der Louth Contemporary Music Society im irischen Dundalk und schafft eine musikalische Annäherung der beiden Dichterinnen.
Beide Autorinnen eint die Erfahrung existenzieller Erschütterung. Nach der Trennung von Max Frisch fand Bachmann in Stampas sehnsuchtsvollen Versen einen Resonanzraum, der von Trostlosigkeit bis zur Todessehnsucht reicht. Für die früh verstorbene Gaspara Stampa war der Auslöser die nicht erwiderte Liebe zum Grafen Collaltino di Collalto, dem sie ihre postum veröffentlichte Gedichtsammlung „Rime“ (1554) widmete, ein kunstvolles Vermächtnis der Liebeslyrik der Renaissance.
Litanei greift diese besondere Rezeption auf – in dem Jahr, in dem sich der Geburtstag Bachmanns zum hundertsten Mal jährt. Beat Furrer über den Gesangstext: „Die Zweisprachigkeit Italienisch/Deutsch resultiert einerseits aus der angedeuteten Identifikation Bachmanns mit Stampa und unterstreicht die Zerbrochenheit des singenden Subjektes: gleichsam ein Dialog verschiedener Figuren, changierend zwischen rezitativischer Nähe zum gesprochenen Sprachklang und ariosem Eingebettetsein in den Instrumentalklang. An der Schwelle zur Sprachlosigkeit, dem Schrei der Verzweiflung, zu Aufbegehren und Resignation.“
„Alles verloren, die Gedichte zuerst
dann den Schlaf, dann den Tag dazu,
dann das alles dazu, was am Tag war (…)
bis weniger als nichts und ich nicht mehr
und schon gar nichts war.“
So heißt es in Bachmanns nachgelassenen Versen, in denen sich die Erfahrung eines radikalen Verlusts eindringlich ausspricht. „Viel mehr als Gedicht sind es erratische Blöcke einer zerbrochenen Sprache, die in der Komposition aufgehoben und neu geordnet werden“, so der Komponist. „Das Instrumentalensemble stellt sich dem Klang der gesprochenen Sprache gegenüber, spricht mit einer „anderen Stimme“, oder bettet die Stimme in einen resonanten harmonischen Raum. Diese Bewegung, vom Sprechen zum Singen, wird zweimal in verschiedener Weise vollzogen, als Bewegung vom Rezitativischen – dem Gegenüber des Ensembleklanges und der sprechenden Stimme – zum Schrei oder zum versöhnten Aufgehobensein des sich entfernenden Echos.“
Tessa Singer
(aus [t]akte 1/2026)



