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Das geheime Leben. Miroslav Srnka begibt sich auf Entdeckungstour Richtung Stimme

Miroslav Srnka – aktuell

Der tschechische Komponist Miroslav Srnka hat den Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung 2009 erhalten. Für die Preisverleihung am 15. Mai 2009 in den Münchner Kammerspielen komponierte er Fan Faire, eine neue Komposition für Bläser und Schlagzeug. Ein wichtiges Projekt des jungen Preisträgers ist eine Kammeroper nach The secret life of words, einem Film von Isabel Coixet, die er im Rahmen eines Fellowships von Aldeburgh Music schreibt.

Über das Erzeugen einer Erwartung, das Sammeln von Aufmerksamkeit und über die Gattung der Fanfare schrieb Miroslav Srnka ein Stück für Blechbläser und Schlagzeug. Die Komposition für den Festakt des Ernst von Siemens Förderpreises in München nimmt der frischgebackene Preisträger zum Anlass, die Rolle solcher Signalmusiken zu hinterfragen. „Wie eine Interpunktion in einem gemeinschaftlichen Ereignis funktionieren diese Stücke. Die Zeit erfährt eine Zäsur, die Aufmerksamkeit wird auf einen Punkt konzentriert und eine Spannung für das erzeugt, was folgt”, erläutert Srnka. Eine Studie über das Erwartungsprinzip ist demnach auch kompositorisches Thema des Stückes für vier Hörner, je zwei Trompeten, Posaunen und Schlagzeuger. „Mit dem Klang von Blechbläsern verbindet sich automatisch die Vorstellung von großer Lautstärke. Das macht ihre leisen Klänge besonders spannend, weil sie per se eine Erwartung wecken.” So wird gerade die Lautstärke zum weiteren kompositorischen Thema. Neben der Dynamik spielt er mit dem Ursprung der Fanfare – vor allem dem etymologischen: Es ist kaum bekannt, dass das Wort Fanfare entweder einen onomatopoetischen Grund hat, oder auch von dem arabischen „farfar” (Schwätzer) und mittelbar dem spanischen „fanfarrón” (Großmaul) abgeleitet sein könnte. „Die Idee zu der Komposition kam beim Nachdenken über die Funktion von Musik bei einem Zusammentreffen von Menschen, das nicht primär ein Konzertereignis ist, sondern auch Gespräch, gesellschaftliches Ereignis, Unterhaltung. Im Konzert ist die Konzentration und Stille eine Voraussetzung, in die Musik dann hinein gespielt wird. Eine Fanfare jedoch erklingt, um eine solche konzentrierte Stille erst zu erzeugen.”

„The Secret Life of Words”

Eine Recherche über die Kommunikation betreiben Miroslav Srnka und der australische Regisseur Matt Lutton für ihre abendfüllende Kammeroper nach Isabel Coixets Film The Secret Life of Words (Das geheime Leben der Wörter). Die beiden Künstler haben zusammen eines der begehrten Fellowships von Aldeburgh Music erhalten, das ihnen ermöglicht, im Team ein Musiktheater zu schreiben. Das Konzept des Fellowship sieht vor, dass eine Projektphase von anderthalb Jahren finanziert wird, also die Arbeit an einem dramaturgischen Konzept unterstützt wird und im Rahmen dessen auch weitere Künstler, Bühnenbildner oder Schriftsteller, beauftragt werden können. Das Fellowship ermöglicht gemeinsame Treffen, Studienreisen und zwei einwöchige Workshops in Aldeburgh, um die Ideen mit Musikern und Sängern zu überprüfen. Dieses Konzept, verbunden mit der Tatsache, dass ausdrücklich Autorenteams ausgezeichnet werden, ist eine reizvolle Alternative zum herkömmlichen Kompositionsauftrag. Wie Srnka beschreibt, ermöglicht dieses Förderungsmodell „eine große Freiheit, denn der Komponist ist nicht der einzige maßgebliche Autor, der alleine vor dem Papier sitzt. Die Bühnenumsetzung ist hier ein Teil des Kompositionsvorgangs, also wird wirklich ein Schritt hin zum ,Gesamtkunstwerk’ vollzogen. Wir arbeiten zusammen an allen Parametern des Abends, suchen nach einem konsequenten Ganzen, das sich aus der Zusammenarbeit entwickelt.”

The Secret Life of Words handelt von zwei Menschen, die ein Trauma erlebt haben. Als sie aufeinander treffen, finden sie einen Weg zur Auflösung, indem sie lernen, zu dem anderen über sich selbst zu sprechen. „Dieser Weg hin zu einer Kommunikation interessiert uns. In dem Film wird über das langsame gegenseitige Erfahren der Verletzungen des anderen eine Barriere aufgelöst – und dies läuft synchron zum Verstehen des Zuschauers. Wie diese Verständigung im Verlauf entsteht und sich entwickelt, ist unser Thema. Und die große Emotionalität von Isabel Coixets Erzählweise hilft uns dabei.” Auf der musikalischen Ebene wird die Entwicklung mitvollzogen: „Dieser Prozess wird in unserem Musiktheater symbolisiert durch eine Entwicklung der Hauptpersonen vom Sprechen hin zum Operngesang. Die Protagonisten singen nicht im selben Duktus von Anfang bis zum Schluss, sondern entwickeln sich, und dies symbolisiert die Frage, wie sie miteinander kommunizieren können. Was nicht gesagt werden kann, mag vielleicht gesungen werden. Unser Versuchsfeld ist dieser Weg zur gestützten, voll aussingenden, kunstvoll geführten Opernstimme, und die Frage, inwiefern das auf der Bühne tragend ist.”

Darüber hinaus sind es die Parameter des Dramatischen, die Srnka beschäftigen. „Was mich am meisten interessiert, ist die dramatische Ausdeutung des Tempos und des Registers beim Singen. Für das Wahrnehmen der Singstimme sind gerade diese Parameter sehr wichtig, also wie schnell, flüssig oder unterbrochen man artikuliert und in welcher Lage man singt, zunächst unabhängig von dem musikalischen Material. Ich betreibe – wie bereits in dem Ensemblestück mit Sopransolo My Life Without Me – sozusagen eine Recherche zum Gesang ohne (thematisches) Material, eine Art De-Materialisierung.” Diese Arbeit ist ein Resultat eines generellen Schwerpunkts von Srnkas Komponieren. „Ich war immer an der menschlichen Stimme interessiert – obwohl ich bisher wesentlich mehr Instrumentalmusik komponiert habe. Zudem wird auch meiner instrumentalen Musik ein gewisses dramatisches Potenzial bescheinigt, die Zuhörer scheinen darin Ereignisse zu empfinden. Und diese Eigenschaft meiner Musik möchte ich jetzt auf der Bühne überprüfen. Ich teste also ihr Potenzial. Nicht zuletzt ist es so, dass Oper eines der stärksten Erlebnisse ist, die man in der westlichen Kultur erleben kann, so oft sie auch schon für tot erklärt worden ist.”

Marie Luise Maintz
aus: [t]akte 1/2009

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