Nachdem im Februar Matthias Pintschers Orchesterstück Osiris durch Pierre Boulez in Chicago uraufgeführt wurde, erlebte sein drittes Musiktheater L’espace dernier im Mai 2008 in Frankfurt seine Deutsche Erstaufführung in konzertanter Form.
„Seit den allerersten kompositorischen Schritten setze ich mich mit dem dichterischen Werk von Arthur Rimbaud und seinem Leben auseinander … Die Erregung im ersten Moment der Begegnung mit seiner Dichtung ist bis heute ungebrochen” schreibt Matthias Pintscher 2001 an Hans Peter Jahn und spricht dann von der immer neuen Beschäftigung mit Rimbaud unter anderem in den Werken des Zyklus Monumento, und besonders mit dem Gedicht Départ aus den Illuminations. „Ein Text spiegelt sich in einem ihm jeweils zugeordneten Raum. Der Text wandert von Stück zu Stück und so auch von Raum zu Raum …” erläutert Matthias Pintscher diese immer neue Auseinandersetzung. „Der Raum” wird in der bislang größten Auseinandersetzung mit Rimbauds Gedicht Départ gleichsam zur Titel gebenden Klammer: Für sein Musiktheater L‘espace dernier „en quatre parties sur textes et images autour d’œuvre et de la vie d’Arthur Rimbaud”, 2002 bis 2003 komponiert und 2004 an der Opéra Bastille in Paris uraufgeführt, schuf Pintscher ein detailliertes Szenario aus Texten, Körper-, Raum-, Bewegungs- und Lichtvisionen, mit denen er die Texte über die musikalische Realisierung in die Tiefe des Raumes projizierte: eine perspektivische akustische Auslotung eines Theaterszenariums, die in den konzertanten Aufführungen im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt und in der Kölner Philharmonie (wo Pintscher in dieser Spielzeit „Composer in residence” ist) zu einem besonderen Erlebnis werden dürfte.
„Das blaue Schweigen”
Der ideelle Raum, von dem Matthias Pintscher sein Musiktheater ausgehen lässt, ist der „letzte”, der „unergründliche” – vielleicht das Todeszimmer des Dichters. „Pourquoi l’azur muet et l’espace insondable” beherrscht als Textzeile den ersten Abschnitt des vierteiligen Werkes. Rimbaud hatte sein dichterisches Schaffen schon als 18-Jähriger abgeschlossen. Er starb im Alter von 37 Jahren in Marseille an den Folgen einer Beinamputation, nachdem er als Handlungsreisender in Afrika unterwegs gewesen war. In Pintschers Musiktheater tritt Rimbaud selbst nicht auf, sondern ist in seiner Dichtung präsent sowie in Zeugnissen von ihn umgebenden Menschen, wie seinem afrikanischen Diener und Gefährten Djami, seinen Schwestern Vitalie und Isabelle, seiner Mutter.
In dem großen musikalischen Gebäude, das Matthias Pintscher imaginiert, mit zwei Schauspielern („Die Frau”, „Der Mann”), einer Sängerbesetzung aus je einem Koloratur- und lyrischen Sopran, dramatischen Mezzosopran, hohen Tenor und Bassbariton sowie 16 Vokalsolistinnen, einem Orchester, das in drei Gruppen aufgeteilt ist, weiteren räumlich gruppierten Instrumenten und Live-Elektronik, geht es um die akustische Tiefendimension von musikalischem Material. Die Gegenständlichkeit von Sprache und gesungenem Wort wird in die komplexe Klanglichkeit der Partitur transformiert und wiederum in die räumliche Perspektive übertragen. Die rätselhafte Persönlichkeit des Dichters wird in eine enigmatische Klangkomposition von höchster Faszination umgesetzt – in Klangschöpfungen wie dem „Textgewitter” der Vokalsolistinnen im zweiten Teil, „ein sich allmählich aufbauender, verdichtender und sich steigernder Flüsterchor” oder dem dramatischen Höhepunkt eines musikalischen Infernos der „Saison d’enfer” im dritten Teil. All das reflektiert das Verlorensein, das obsessive Getriebensein dieser Künstlerpersönlichkeit und vielleicht die Trauer darüber: „Et l’horizon s’enfuit dans une fuite éternelle … – Und der Horizont flieht in einer ewigen Flucht …” lässt Pintscher den Diener Djami sprechen – ein Bild, das wiederum auf die Unendlichkeit des imaginierten, unerforschlichen Raumes anspielt und von dem wir in Pintschers Werk eine hörbare Vorstellung vermittelt bekommen.
Osiris
Während im deutschsprachigen Raum die Deutsche Erstaufführung von L’espace dernier ein wichtiges Ereignis im Kalender des vielbeschäftigten Bärenreiter-Komponisten ist, zieht die Uraufführung von Osiris, Matthias Pintschers neuer Komposition für großes Orchester, international viel Aufmerksamkeit auf sich. Eine erste Reaktion aus Chicago vermittelt Bewunderung angesichts des Werkes, das Pintscher dem Uraufführungsdirigenten und Mentor Pierre Boulez gewidmet hat. „In dem 23-minütigen Werk erzählt Pintscher die Geschichte von Osiris und macht sie zugleich in musikalischer Figuration erlebbar. Hohe gestopfte Trompeten und ein tiefe Kontrabassklarinette spielen Linien wie ein Dialog, während vielfach geteilte Streicher (jeder Spieler hat eine eigene Stimme) eine Art streng regulierter Wasserstrudel darunter schaffen. Pintscher ist ein erstaunlicher Kolorist. Er lässt die Musiker in fremden Spielweisen agieren, doch die Ergebnisse sind sowohl fesselnd als auch brillant” schreibt Andrew Patner in der Chicago Sun.
Osiris ist eine Co-Commission des Chicago Symphony Orchestra und des London Symphony Orchestra.
Marie Luise Maintz



