Drei neue Kompositionen von Miroslav Srnka erforschen die Bewegung: „Hejna“ (Schwärme) für Klarinette, Akkordeon, Klavier, Harfe und Schlagzeug, ein Auftragswerk für das Ensemble Modern, und schließlich ein neues Streichquartett.
Vogelschwärme, deren Formationen auf zauberische Weise zu entstehen scheinen, sind Inspiration für neue Kompositionen von Miroslav Srnka. Tatsächlich funktionieren die Energieflüsse in beweglichen Kollektiven, wie sie in Vogel- oder Fischschwärmen und Tierherden auftreten, nach physikalischen Prinzipien, die dem Fließen von Bewegungsmustern in der Musik ähnlich sein können. Hejna (tschech.: Schwärme) für Klarinette, Akkordeon, Klavier, Harfe und Schlagzeug komponierte Srnka für ein Porträtkonzert der Münchener Biennale im Gasteig. Voraussetzung für die Überlagerung von Bewegungsmustern ist die mögliche Polyphonie der Instrumente, so der Komponist: „Das Besondere an der Besetzung ist, dass außer der Klarinette alle Instrumente eine klar temperierte Vielstimmigkeit erzeugen, also eine Massen- oder Wellenbewegung darstellen können. Die Klarinette vertritt als Gegenpart dazu das melodische Prinzip und kann doch mit ihrem relativ geräuscharmen Klang fast vollständig mit Instrumenten wie dem Akkordeon oder Vibraphon verschmelzen.“ Um ein Kontinuum, das sich ständig verwandelt und in sich beweglich ist, geht es in Hejna, um das innere Pulsieren des Klanges. Und dies nicht nur in der Lautstärke, sondern auch der Dichte oder der Bewegungsrichtung: „Alle diese räumlichen Parameter werden in Klang umgesetzt“, so der Komponist, „indem Abläufe in mehreren Schichten und Zeitebenen von der schnellen bis zur langsamen Bewegung übereinandergelegt werden.“
Das Phänomen der musikalischen Bewegung im Klangraum erkundet Miroslav Srnka in verschiedener Besetzung: In seinem neuem Streichquartett, das im April 2011 vom Quatuor Diotima in Monte Carlo uraufgeführt wird, kommt dieses Prinzip in anderer Form zum Tragen. Die Möglichkeit der klanglichen Verschmelzung wie der Individualisierung der vier Streichinstrumente werden ausgelotet: „Ein Thema der Komposition ist dieser Prozess des Herauslösens aus der Masse. Es geht um die Freiheit der Stimme, im Einverständnis mit dem, was hinter ihr klingt. Im Streichquartett können die vier verwandten Instrumente miteinander verschmelzen und ein Kollektiv bilden, aber auch solistische Unabhängigkeit gewinnen. Diese beruht darauf, dass die solistische Stimme frei vom Pulsieren und damit der Vorhersehbarkeit ist.“
Nachdem mit seinem Coronae für Solohorn bereits ein Auftragswerk zum 30-jährigen Bestehen des Ensemble Modern durch Saar Berger im Dezember 2009 uraufgeführt wurde, hat er nun ein neues Werk für das Ensemble geschrieben. Assembly for ensemble, das im Januar 2011 in der Alten Oper Frankfurt uraufgeführt wird, konzipierte Srnka als ein veritables Ensemblekonzert: eine „virtuose Maschine“, ein schnelles, energiegeladenes, rhythmisch intensives Stück, das darauf beruht, dass durch Wiederholung und Überlagerung von rhythmischen Mustern komplexe Klanglichkeit entsteht. „Dabei geht es inhaltlich um die Spannbreite zwischen der Faszination für diese Maschine und die Bedrohung durch sie, zwischen dem Sog eines funktionierenden Gefüges und der drohenden Überwältigung. Vergleichbar ist das mit unaufhaltsamen Gedankensequenzen im Gehirn, die sich bis zur alptraumhaften Wiederholung steigern können.“ Formal steht hinter der Komposition die Beschäftigung mit der Wahrnehmbarkeit von Repetition, die Frage also, wann ein wiederholter musikalischer Zusammenhang als solcher identifiziert werden kann. Zugleich agiert das Stück auf der Grenze zwischen einem konzertant-solistischen Spiel und dem Ensembleprinzip.
Marie Luise Maintz
aus [t]akte 2/2010



