Für ihre Familien arrangiert eine junge Frau das Leben nach ihrem Tod. - Miroslav Srnkas aktuelle Komposition ist My life without me für Sopran und Ensemble. Dem gleichnamigen Film der Regisseurin Isabelle Coixet entnahm der junge tschechische Komponist Texte und Stoff für ein Auftragswerk des Ensembles Intercontemporain, das am 28. November 2008 in der Cité de la Musique mit der amerikanischen Sopranistin Claron McFadden uraufgeführt wurde. David Robertson dirigierte das französische Elite-Ensemble.
„An den Filmen von Isabel Coixet reizt mich”, sagt Miroslav Srnka, „dass sie immer die Grundfragen des Lebens berühren. Sie behandeln zeitgenössische Themen in einfachen Geschichten mit normalen Menschen, nicht mit stilisierten Figuren. Ich habe die Regisseurin ursprünglich für ein Musiktheaterprojekt kontaktiert, suchte dann aber auch einen Text für das neue Stück für Claron McFadden und das Ensemble Intercontemporain.”
Dramatischer Kernpunkt ist, dass die 23-jährige Ann bei ihrer Krebsdiagnose intuitiv entscheidet, ihren zwei Töchtern, ihrem Mann und ihrer Mutter nicht zu sagen, dass sie bald sterben wird. Stattdessen fügt sie die Konstellationen für deren Leben nach ihrem Tod zusammen und schreibt sich Aufgaben auf, die noch in der knappen Zeit zu erfüllen seien: ihrem Ehemann eine Frau zu finden, die er und die Töchter lieben werden, für die Töchter Geburtstagswünsche bis zu deren 18. Lebensjahr auf Tonband aufzunehmen. Sie selbst möchte noch erleben, dass sich ein anderer Mann in sie verliebt.
Miroslav Srnka beschreibt das Tableau: „Der Film läuft als Handlung mit Dialogen ab, aber eigentlich findet das gesamte Geschehen in der Hauptfigur Ann statt. Deshalb entnehme ich dem Drehbuch nur Anns Anteile an den Dialogen. Obwohl es also nur eine Sängerin auf dem Podium gibt, handelt es sich um kein Monodram: Dieser Mitteilungscharakter, das Ansprechen eines nicht vorhandenen Gesprächspartners, ist für mich zentral. Die Texte sind dreischichtig: die Dialog-Ausschnitte im Jetzt, die Monologe über die Vergangenheit und die von Ann auf Band aufgenommenen Wünsche in die Zukunft, eine Art Vermächtnis: Das wird meine Stimme sein, in dem zukünftigen Leben, das ich meinen liebsten Menschen jetzt einrichte. Die Sängerin bewegt sich zwischen diesen drei Textebenen, die auch klanglich sehr unterschiedlich gestaltet sind. Daran interessiert mich die Auseinandersetzung mit verschiedenen Zeitstrukturen, die eigentlich dieses Selbstreflektive der Monologe, das unbewusst Narrative der Dialoge und das jetzt Gesagte, aber in der Zukunft zu Hörende der Wünsche voneinander trennen. Es geht kompositorisch um eine musikalische Auseinandersetzung mit der Zeit, die sich nicht auf etwas Szenisches bezieht. Die Zeit wird von der Hauptfigur sowohl real erlebt als auch gedanklich festgehalten und bewusst für die Zukunft konserviert. Die Dramaturgie besteht aus vier musikalischen Kernstücken, die jeweils wichtige dramatische Augenblicke der Geschichte darstellen.
Ich finde diese sehr starke Zentralperson faszinierend. Sie ist eine einfache Putzfrau, mit einer bescheidenen Lebensweise, kommt aber, obwohl sie nie die Zeit hatte, über sich selber zu reflektieren, ganz schnell zu dem Schluss, wie sie den Rest ihres Lebens verbringen soll. Das ist das Thema: diese zugleich manipulative, aber – wie ich finde – auch verständliche und bewundernswerte Art des Handelns, wie die Frau die Menschen zusammensetzt, um ein Leben ohne sie zu gestalten. Ann tut Dinge, die man in einer normalen Situation moralisch nicht verzeihen würde, um für sich selbst die Stärke zu finden, den anderen das künftige Leben besser zu machen. Es gibt eine fantastische Spannung in dieser Figur, die nicht wie sonst in einer kontrastreichen Hauptfigur aus positiven und negativen Charakterzügen resultiert. Und diese Spannung findet sich auch in der Sprache wieder. Zum Beispiel fragt sie, als der Arzt ihr mitteilt, dass sie sterben muss, diesen nach einem Ginger Candy, also einem Ingwerbonbon, und unterhält sich mit ihm über den Geschmack. Gerade in den Dialogen von größter narrativer Schlichtheit erfährt man am meisten über die Person.”
Marie Luise Maintz
aus: takte 2/2008



