Mit sonic eclipse komponierte Matthias Pintscher einen neuen dreiteiligen Zyklus für Ensemble. Die ersten beiden Teile, celestial object I und II, wurden vom Scharoun Ensemble uraufgeführt: am 20. Mai in Berlin beim Konzert "Hommage an Claudio Abbado" sowie in Zermatt bei der Sommerakademie der Berliner Philharmoniker. Den dritten Teil, occultation, führt das Klangforum Wien anlässlich seines 25-jährigen Bestehens 2010 in Witten auf.
Das Phänomen der Eklipse, also des Übereinanderschiebens von Himmelskörpern und der gegenseitigen Verdunkelung im Moment der vollständigen Abdeckung, ist Sinnbild für einen kompositorischen Vorgang der Annäherung und schließlich momentanen Verschmelzung von völlig verschiedenartigen Elementen. „Die musikalische Idee ist, dass im ersten Stück die Trompete und im zweiten das Horn eine Solistenfunktion übernehmen. Die Konturen der beiden Stücke werden im dritten Teil quasi übereinander gelegt, wobei das Material der beiden Stücke total heterogen ist und im Moment des Beieinanderseins miteinander verschmilzt. Mich hat interessiert, das Repertoire von zwei sehr unterschiedlichen Instrumenten, die doch einer Familie angehören, zu untersuchen und die beiden Instrumente sehr verschieden klingen zu lassen. Dieses ganz heterogene Klang- und Gestaltungsrepertoire wird langsam zusammen und übereinander geführt und schließlich auch das Ensemble hinein gezogen, so dass alles wirklich zu einer Stimme, einem Instrument und Klanggestus verschmilzt und anschließend auch wieder auseinanderfällt. Bildlich entspricht dies genau der Eklipse.”
Sein Interesse für das Zyklische, also für mehrteilige Kompositionen mit verwandten Sujets, begründet Pintscher mit einem Bedürfnis nach einem kontinuierlichen Weitergehen: „Ich möchte etwas weiterkomponieren, was ich gerade verlassen habe. Es geht darum, eine ganz neue Aufgabenstellung zu suchen und doch organisch von einem Zustand in den nächsten zu gelangen.” Auch in seinem nachfolgenden zyklischen Projekt, als dessen erster Teil eine Komposition für das New York Philharmonic Orchestra unter seinem neuen Chef Alan Gilbert mit Thomas Hampson als Solist entsteht, wird Matthias Pintscher diesen Weg weitergehen: Schon in she-cholat ahava ani, seinem A-cappella-Werk für das SWR Vokalensemble, das im Februar in Stuttgart uraufgeführt wurde, komponierte er einen Text aus „shir ha shirim”, dem Hohelied Salomos. In seinem neuen Werk für Bariton und Orchester kombiniert er diesen biblischen Text mit zeitgenössischer Lyrik, Liebesgedichten von Yehuda Amichai, dem im Jahr 2000 gestorbenen jüdischen Dichter. Auch dies ist Teil eines neuen Zyklus, den das Ensemble Intercontemporain weiterführen wird.
Seine vierteilige Study über Cy Twomblys Treatise on the Veil, worin er mit präparierten Streichinstrumenten von Solo bis Quartett „das gleiche Sujet immer wieder mit verschiedenen Perspektiven, anderer Zeichnung, verschiedenen Techniken und Materialien darstellt”, bezeichnet Pintscher als abgeschlossen, jedoch mit einem Vorbehalt: „Ich habe noch die Vision, alle Studies übereinander zu legen und an verschiedenen Positionen im Raum simultan zusammenzuführen in einer neuen korrespondierenden Partitur.”
Marie Luise Maintz
aus: [t]akte 1/2009



