Nachdem sein Klavierkonzert in Köln, Paris und München viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, „ein dramatisches, spannungsvolles, fast unheimlich hintergründiges ‚Doppel‘“, wie Gerhard Rohde schrieb, arbeitet Beat Furrer an mehreren Kompositionen und einem neuen Musiktheater. In lotófagos II entwickelte er in Zusammenarbeit mit dem Pariser IRCAM seine Raumklangforschungen weiter und schrieb zugleich ein Stück über das Vergessen.
Die Lotosfresser – lotófagos – so nannte Beat Furrer 2007 seine Komposition für Sopran und Kontrabass, in der es um einen Zustand der Erinnerungslosigkeit geht, in Anspielung an die Gefährten des Odysseus, die Lotos aßen, um zu vergessen. „Wir waren in einer Wüste, umgeben von unserem eigenen Bild, das wir nicht wieder erkannten. Wir hatten die Erinnerung verloren …” hieß es dort bei José Angel Valente. Thema ist das Hinübergleiten in einen „anderen“ Zustand, den man vielfach umschreiben kann: als das Fremde, die Vergessenheit, die Wüste, den Tod. In lotófagos II für zwei Soprane, Instrumente und Elektronik, das Beat Furrer für das Pariser Festival „agora” im Juni 2008 komponiert, wird es auch um die Erinnerung gehen. Eines der besonderen klanglichen Phänomene, mit denen Beat Furrer hier arbeitet, entsteht in Zusammenarbeit mit dem Pariser IRCAM: Schon seit mehreren Jahren arbeiten verschiedene Klanglabors an der sogenannten „Wellenfeldsynthese”, einer neuartigen, quasi holografischen Beschallung, die eine lückenlos gleitende, dreidimensionale Darstellung von Klängen im Raum ermöglicht. Beat Furrers lotófagos II gehört zu den ersten größeren Kompositionen überhaupt, die sich diese Technik zunutze machen. Neben anderen Werken ist als nächstes großes Projekt das Musiktheater Wüstenbuch in Arbeit, das nach einem Libretto von Händl Klaus im März 2010 bei „MaerzMusik” in Berlin (anschließend Theater Basel, Wiener Festwochen und Festival d’Automne Paris) uraufgeführt wird.
Marie Luise Maintz
(aus takte 1/2008)
Das nichttemperierte Klavier
Beat Furrers Klavierkonzert für Nicolas Hodges und den WDR
Beat Furrers Konzert für Klavier und Orchester (Uraufführung: 1.11.2007 Köln; Nicolas Hodges, Klavier; WDR Sinfonieorchester, Leitung: Peter Rundel) ist die Fortsetzung und Summe seiner komponierten Auseinandersetzung mit dem Klavierklang, dessen Phänomene, Resonanzen, Obertonspektren, Pedalisierungen der Komponist zuvor in Solowerken wie „Phasma” oder den „Drei Klavierstücken” sowie in „nuun” für zwei Klaviere und Ensemble erforscht hatte.
„Mein Hauptanliegen war”, so sagt Beat Furrer, „dem Klavier im ganzen Stück eine Resonanz zu geben und die Plastizität des Klavierklangs zu erhalten. Der Klavierklang bleibt immer das Gravitationszentrum, und das Orchester ist der Verstärker, der dem Klavier einen Raum gibt.” Beat Furrers Konzert für Klavier und Orchester, das am 1. November 2007 in Köln uraufgeführt wurde, ist eine komponierte Verräumlichung des Klavierklangs. Das Orchester wird zum Resonanzraum des Soloinstruments, indem es die verschiedenen Klanglichkeiten und vielfältigen Artikulationsmöglichkeiten verstärkt, die das Klavier bietet: vom Metallischen, Rauschenden bis zum Gläsernen. Besonderen Fokus haben die im Klang der tiefen Saiten mitschwingenden Resonanzen und Schwebungen: das „Nichttemperierte im Temperierten” ist dabei Ausgangspunkt für die harmonische Entwicklung. „Der Verlauf des Konzertes ist ein Abtasten des ganzen Spektrums des Klaviers von unten nach oben, das die verschiedenen klanglichen Möglichkeiten in den verschiedenen Registern, auch im Orchester verstärkt.” Stumm gegriffene tiefe Töne in den Basssaiten des Soloklaviers werden von den Orchesterinstrumenten und den Flageolettklängen eines „Schattenklaviers” im Orchester zum Klingen gebracht, sie tropfen gleichsam aus dem Soloinstrument hinaus in den umgebenden Klangraum. Aus diesem Pulsieren entwickelt Beat Furrer die Motorik von schnellen Sextolenbewegungen, die in immer rasanteren Kaskaden des Soloklaviers den ganzen Apparat mitnehmen. Die harmonischen Strukturen des Beginns werden somit in rhythmische umgesetzt.
„Martellato” (geklopft) ist die Spielanweisung dieser Sextolen, sie wird mehr und mehr zum Gestus des gesamten Geschehens. Es entsteht ein Verlauf, der immer mehr in den Sog der motorischen Bewegung gerät. Der großformatigen dynamischen Steigerung entsprechen ein Ansteigen des Tonraums bis zum höchsten Klavierton und die Transformation der Klanglichkeit, „von einem zunehmend metallischen Klang, einem ganz hohen gongartigen Klang im Klavier bis hin zum Gläsernen und dem ganz wüsten, rauen Klang des Martellato”. In der Mitte des Stücks wird die zunehmende Motorik durch einen ruhigen Teil konterkariert, der legato im Soloklavier einsetzt. Er lässt die vibrierende Energie der schnellen Bewegung nachhallen, bis Fortissimo-Kaskaden das Geschehen zum Moment höchster Intensität treiben. Das Soloklavier verharrt zum Schluss im Martellato in der obersten Region, „wie ein gläserner Loop”, während das zweite Klavier in den Vordergrund tritt und das Schließen des Stückes übernimmt.
Marie Luise Maintz
(aus takte 2/2007)
Bild oben: Der Komponist und seine Interpretin: Beat Furrer und Marisol Montalvo in Paris (Photo: Arnfried Zerche)



