Mit den Mitteln eines Zooms gestaltet der französische Komponist Brice Pauset sein neues Orchesterstück. Im Fokus: eine Tänzerin, die zum Mittelpunkt eines vieldimensionalen musikalischen Vexierspiels wird.
Nach seiner Sinfonie Nr. 4 „Der Geograph”, die im März 2007 in der Kölner Philharmonie uraufgeführt wurde, geht Brice Pauset nun diese Gattung aufs Neue an: Im Rahmen der Donaueschinger Musiktage 2008 wurde am 19. Oktober seine Sinfonie Nr. 5 „Die Tänzerin” uraufgeführt. Der Titel wirft die Frage auf: Um was für eine Tänzerin mag es sich handeln? „In der ganzen Sinfonie stellt die Tänzerin den Mittelpunkt der Welt dar. Man muss sich dabei vorstellen, dass die Beobachtung der Tänzerin nicht nur vom Zuschauerraum aus stattfindet, sondern auch von ganz weit weg. Es geht um diesen ganz besonderen ästhetischen Reiz, diese ganz besondere Empfindung”, erläutert der Komponist. „Die Tänzerin, um die es hier geht, steht für die zur Kunst gewordene Bewegung eines Körpers; das ist ein Sinnbild, das für alle Tänzerinnen gilt, und ein Symbol.”
Brice Pauset sucht sich über eine auf die Spitze getriebene prosaische Haltung Materialien mit einer tief gründenden Poesie, es handelt sich jedoch keineswegs um herkömmliche Ballettmusik. Als Basismaterial für seine Arbeit wählte er beispielsweise die Geräusche, die entstehen, wenn der Fuß der Tänzerin den Boden berührt bzw. wenn sie sich in der Luft dreht, oder das Rascheln des Stoffes ihres Kostüms. Es sind diese un-fassbaren Töne, die den Komponisten interessieren, Töne, die man in einem Ballett so deutlich sonst nicht vernimmt. Doch wie können diese Töne über den Blickwinkel des Betrachters Aufschluss geben? Genau um diese Frage geht es in dem neuen Werk. Denn natürlich hängt die Art der Wahrnehmung eines Tänzers vom Standort des Beobachters ab: Je nachdem, wo man sich befindet, ändert sich die Perspektive. Aber von welchem Blickwinkel aus ein Zuschauer auch immer einen Tanz betrachtet: Die Bewegung des Körpers ist und bleibt reine Kunst. Und ohne Rücksicht auf den Blickwinkel des Zuschauers spielt die Musik mit dieser Beständigkeit der ästhetischen Bewegung, und zwar mit Mitteln des Zooms auf die verschiedenen Tonsatzmaterialien, es ist ein Spiel mit den musikalischen Zeitabläufen, mit der Gleichzeitigkeit verschiedener Taktarten (beispielsweise durch das Übereinanderschichten eines 3/4- und eines 4/4-Taktes) usw.
Pausets 5. Sinfonie steht in engem Zusammenhang mit seinen anderen Werken. In erster Linie ist „Die Tänzerin” Teil eines Zyklus von drei Sinfonien (Nr. 4, 5 und 6), der in einer Phase komponiert wurde und ein einheitliches Ganzes darstellt. Dabei hat jede dieser Sinfonien zwar eine ihr ganz eigene Dramaturgie, gleichzeitig sind sie jedoch durch eine gemeinsame Thematik miteinander verbunden: durch den Begriff der Unmöglichkeit. In Der Geograph ist es die Unmöglichkeit, die Welt darzustellen (es sei denn durch die Schaffung von Rastern, die in der Aufführung vom Klavier fixiert und vom Orchester ausgefüllt werden); die Unmöglichkeit, die ästhetische Bewegung darzustellen (es sei denn durch die Erfindung eines vom ursprünglichen Objekt losgelösten Bildes); die Unmöglichkeit, Materie darzustellen (außer mittels einer Extremsituation: der Explosion).
Wir haben es mit einem Projekt zu tun, das mit den Grenzbereichen der Genres spielt. Die 4. Sinfonie war ein Flirt mit der Gattung des Konzerts: Dem Orchester steht ein Klavier als Hauptinstrument gegenüber. Und die 6. Sinfonie wird Singstimmen mit einbeziehen. Ihre Uraufführung ist für die Spielzeit 2009/10 in München geplant (Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Experimentalstudio Freiburg).
Neun Sinfonien als Zielvorgabe? „Nein”, antwortet der Komponist, „nach der 6. Sinfonie werde ich dieser Gattung wohl etwas müde sein. Außerdem hätte ich das Gefühl, in einen Manierismus zu verfallen, in einem Reliquienschrein zu sein. Bei der Arbeit an sinfonischen Werken entwickelt sich meine Tonsprache weiter, und ich bekomme dann Lust auf andere Formen, in die ich das, was ich bei den letzten Arbeiten erworben habe, einfließen lassen möchte.”
Benoît Walther
aus: takte 2/2008



