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Die Liebe der Wandalen. Telemanns Oper „Sieg der Schönheit“

Georg Philipp Telemann
Sieg der Schönheit. Singspiel in drei Akten (Hamburg 1722) TVWV 21:10. Musikalische Werke, Band 42. Hrsg. von Wolfgang Hirschmann

Erstaufführung nach der Neuausgabe: 9.6.2012 Theater Osnabrück
Personen: Eudoxia (Sopran), Placidia (Sopran), Pulcheria (Sopran), Melite (Mezzosopran), Olybrius (Bariton), Gensericus (Bariton), Honoricus (Mezzosopran), Helmiges (Tenor), Trasimundus (Bass), Turpino (Bariton), Chöre (Römer, Wandalen, Gefolge der Eudoxia und des Gensericus)

Orchester: Tromba I, II, III, Timpani, Corno da caccia (Es, F, G) I, II, Flauto piccolo I, II, Flauto dolce I, II, Flauto traverso I, II, Chalumeau I, II, Oboe d’amore I, II, Oboe I, II, Fagotti, Violino I, II, Viola, Basso continuo (Violoncelli, Fagotti, Cembalo, Contrabbassi)

Verlag: Bärenreiter, Aufführungsmaterial leihweise

Foto: Gensericus, hier noch etwas unzivilisiert im Umgang mit Frauen. Die Eroberung Roms durch die Wandalen. Gemälde von Karl Briullov (um 1835), Tretjakow-Galerie Moskau

Sieg der Schönheit, Telemanns erstes Werk für die Hamburger Bühne, besticht durch eine spannende und kontrastreiche Handlung und durch Musik, die ein Füllhorn von Affekten ausschüttet. In Osnabrück wird sie im Juni 2012 wieder für die Bühne entdeckt.

Georg Philipp Telemanns erste Hamburger Oper wurde am 13. Juli 1722 erfolgreich uraufgeführt. Bis 1735 stand sie dann hier und ab 1725 auch in Braunschweig immer wieder auf dem Spielplan. Das Libretto stammt ursprünglich von Christian Heinrich Postel, dem vielleicht wichtigsten Hamburger Operndichter des ausgehenden 17. Jahrhunderts, und beruht auf einer venezianischen Vorlage. Telemann hat Postels Libretto den Bedürfnissen seiner neuen Musik und der entwickelteren Arienform seiner Zeit angepasst. Für die Aufführungen in Braunschweig wurde die Oper dann einer weiteren Bearbeitung unterzogen. Dabei blieben die Arien erhalten, während die Rezitative wohl neu komponiert und auch neue Tänze eingelegt wurden. In dieser Form ist die Oper überliefert.

Als historische Folie für die Handlung dient die Einnahme Roms durch die Wandalen unter Geiserich (Gensericus) im Jahr 455. Der siegreiche König und die ihn begleitenden Helden Honoricus und Helmiges treffen auf die besiegte, andererseits aber von einem tyrannischen Usurpator und Ehemann befreite Kaiserin Eudoxia mit ihren Töchtern und den römischen Patrizier Olybrius. Die verschiedenen Konflikte der vielschichtigen Handlung entstehen aus den Ansprüchen der neuen Machthaber gegenüber den ihnen scheinbar ausgelieferten Frauen. Jede der handelnden Personen entfaltet dabei ein eigenes Weltbild. Jeder versucht auf seine Weise, den Widerspruch zwischen gesellschaftlich Gefordertem und individuellem Empfinden zu lösen. Gensericus will Eudoxia heiraten, die sich aber aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen anfänglich verweigert. Um den Frieden zu befestigen, soll Prinz Honoricus die Prinzessin Pulcheria heiraten. Honoricus aber orientiert sich am Ideal des stoischen Helden, der Gefühle ablehnt und sich vor der Liebe gefeit sieht. Doch hat sich Pulcheria in ihn verliebt und setzt alles daran, ihr Glück zu erlangen. Placidia und Olybrius sind schon länger ein Paar, das der draufgängerische Helmiges auseinanderzubringen trachtet, indem er sich Placidia aufdrängt. Der kultivierte Olybrius lässt sich dadurch einschüchtern und ist versucht, Placidia dem Nebenbuhler zu überlassen. Doch die standhaft Liebende akzeptiert dieses Verhalten nicht. Helmiges wiederum wird von Melite, der Kammerfrau der Prinzessinnen, geliebt. Der lustige Diener Turpino und der ernsthafte Militär Trasimundus kommentieren die Verwicklungen jeder aus seiner Sicht.

Die Handlung ist außerordentlich spannend, abwechslungs- und kontrastreich und führt starke Affekte vor. Sie gibt Raum für große Tableaus und lebhafte Szenen bis hin zu Duellen sowie für individuelles Reflektieren. Ebenso abwechslungsreich wie das Libretto ist auch die Musik, die sich durch eine große, zielgerichtete Vielfalt auszeichnet. Telemann formt hochaffektive, aber auch kontemplative, virtuose und liedhafte Arien. In den Duetten werden unterschiedliche oder übereinstimmende Ansichten der beteiligten Protagonisten auch mittels der Musik dargestellt. Kaum eine Oper nutzt so intensiv das Instrumentarium der Zeit, nur selten gibt es solch eine Fülle überraschender Klangfarben. Sieg der Schönheit ist ein repräsentatives und dabei höchst ausdrucksstarkes Werk.

Ute Poetzsch
aus [t]akte 2/2011

 

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