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Wiederentdeckung (1): Opern von Georg Philipp Telemann

Georg Philipp Telemann
Miriways. Singspiel in drei Akten nach einem Libretto von Johann Samuel Müller TWV 21:24. Georg Philipp Telemann. Musikalische Werke, Band 38. Hrsg. von Brit Reipsch

Erstaufführung nach der Neuausgabe: 10.3.2012, Theater Magdeburg

Personen: Miriways (Bariton), Sophi (Mezzoso-
pran), Bemira (Sopran), Nisibis (Sopran), Murzah (Bariton), Samischa (Mezzosopran), Zemir (Mezzosopran), Ein Gesandter (Tenor), Geist (Bariton), Scandor (Bariton), Chor der Perser (Sopran, Tenor, Bass)

Orchester: Corno da caccia I, II, Flauto traverso I, II, Oboe I, II, Oboe d’amore I, II, Violino I, II, Viola, Basso continuo (Violoncello, Contrabbasso, Fagotto, Cembalo)

Verlag: Bärenreiter, Aufführungsmaterial leihweise

Siegt die Liebe oder die Vernunftehe? Dies ist das Thema von Telemanns Oper Miriways, die im Urtext der Auswahlausgabe in Magdeburg aufgeführt wird. Die Musik, die die gezeigten Affekte brillant abbildet, macht die Wiederentdeckung zu einem lohnenden Unternehmen.

In der Operngeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts ist es selten, dass Ereignisse aus der Zeitgeschichte aufgegriffen werden, wie es in der Oper Miriways der Fall ist, die am 26. Mai 1728 im Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt Premiere hatte. Über die Ereignisse, die Anlass zu dem Libretto gaben, war man in Hamburg über die Zeitungen informiert, darüber hinaus war 1723 unter dem Titel Der persianische Cromwell ein anonymer Bericht über Leben und Taten des Miriways, Beschützers von Persien, erschienen. Daraus bezog der Librettist vermutlich seine Kenntnis des Ambientes und Kolorits, aber auch die Anregung für die Charakterisierung des Miriways als eines gerechten und weitblickenden Herrschers, der es, wenn möglich, vorzog, diplomatisch zu agieren.

Dieser Bericht erzählt, wie Miriways nach einem militärischen Sieg tatsächlich den persischen Prinzen als König in der eroberten Provinz eingesetzt hat. Ort der Handlung ist Isfahan, die persische Residenz des Miriways. Sie setzt mit einem Gespräch im königlichen Wohngemach ein. Miriways bespricht sich mit Samischa, seiner heimlichen Ehefrau. Aus ihrer früheren Beziehung, die durch die Verheiratung Miriways‘ beendet werden musste, was Samischa in Depressionen gestürzt hatte, ist eine Tochter hervorgegangen, deren Aufenthalt die Mutter aber nicht kennt. Diese Tochter will Miriways finden, um sie aus taktischen Gründen mit Sophi, dem er die Herrschaft über Persien zugesprochen hat, zu verheiraten. Sophi liebt Bemira, von der man nur weiß, dass sie in gutem Hause zusammen mit Nisibis aufgewachsen ist. Sie und Bemira sind sich in schwesterlicher Liebe zugetan. Nisibis ist Witwe und liebt Murzah, der kaum wagt, ihr seine Liebe zu gestehen. Dies nutzt Zemir aus, um sich Nisibis gegenüber ins rechte Licht zu rücken und Murzah zu verdrängen.

Schon das erste Gespräch zwischen Miriways und Samischa exponiert das Thema der Oper, aus dem sich die Konflikte entwickeln: Die Kollision von individueller Neigung und Pflicht, wobei das Konzept der vernünftigen Liebe hineinspielt. Obwohl Miriways einst die geliebte Frau verlassen musste, verlangt er eine Ehe aus Staatsräson. Sophi wehrt sich bis zur Starrsinnigkeit und will Bemira treu bleiben. Bemira aber beschwört Sophi, Miriways zu folgen und ist bereit – wenn auch unter großen Schmerzen – auf ihre Liebe zu verzichten.
Nisibis gerät durch Zemirs Intrigen in die Klemme; er lässt sie glauben, er habe sie aus den Flammen ihres Gartenhauses gerettet. Die Konvention würde erfordern, dass sie sich mit dem vermeintlichen Retter verbindet. Wegen ihrer Liebe zu Murzah widerstrebt sie aber. Die Charaktere mit den ihnen eigenen
(Moral-)Vorstellungen sind klar und dabei sensibel gezeichnet, die Handlungsstränge dramaturgisch sinnvoll verknüpft.

Telemann vertieft mit seiner Musik diese Personenzeichnung und entfaltet ein auch klanglich differenziertes Spektrum der unterschiedlichen Gemütsbewegungen und -erschütterungen, das von intimer Reflexion bis hin zum großen Auftritt reicht. Manche Szenen werden durch den Einsatz von Hörnern zusätzlich hervorgehoben, gelegentlich geben diese Instrumente auch Kolorit. Insgesamt pflegt Telemann in dieser Oper einen eleganten und kleingliedrigen, deklamatorisch inspirierten und fein ausgearbeiteten Stil, wodurch insbesondere die kammerspielartigen Aspekte plastisch werden.

Ute Poetzsch
aus [t]akte 2/2011

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