Versteht man unter Idyll Ruhe und Zurückgezogenheit, so hätte Julius Rietz (1812–1877) seinem Konzertstück op. 41 für Bläserquintett und Orchester kaum einen programmatischeren Untertitel geben können. Zu ruhig war es um die Idyllische Scene geworden – bis Andreas N. Tarkmann mit der Rekonstruktion der Orchesterstimmen aus dem erhaltenen Klavierauszug betraut wurde. Dem heiklen, weil zwischen den Maximen von Werktreue, Spielbarkeit und Klanglichkeit sich bewegenden Projekt ging die Entscheidung des Herausgebers voraus, die Orchesterbehandlung am Violinkonzert des Rietz-Freundes und -Kollegen Mendelssohn zu orientieren. Detailfragen betrafen die Korrektur willkürlich erscheinender Stimmführung und rhythmischer Unebenheiten des Klaviersatzes sowie die sinnvolle Gestaltung der Tutti- gegenüber den Solobläserstimmen, um einen abwechslungs-, spannungs- und dialogreichen Stimmensatz zu gewährleisten, ohne die Bläser in störende Konkurrenz zueinander treten zu lassen.
Der zu Lebzeiten als Cellist, Dirigent und Komponist ausgesprochen erfolgreiche Rietz, den Mendelssohn – wie Schumann notiert – für „unfehlbar talentiert“ hielt, ist heute vor allem als Herausgeber der ersten Mendelssohn-Gesamtausgabe, zahlreicher Mozart-Opern, der
h-Moll-Messe und Matthäus-Passion Bachs und verschiedener Kompositionen Händels und Haydns bekannt. Dass das kompositorische Werk eines Bearbeiters heute ebenfalls der Bearbeitung bedarf, möge nicht als Ironie des Schicksals verstanden werden, sondern als schicksalhafte Notwendigkeit – und Gelegenheit, es endlich (wieder) zu Gehör zu bringen. Nachdem Julius Rietz‘ Konzertstück op. 41 in der Orchestrierung Andreas N. Tarkmanns mit dem Aulos-Quintett und dem hr-Sinfonieorchester für den Hessischen Rundfunk eingespielt worden ist, fand die erste konzertante Wiedergabe dieser Orchesterfassung am 7. September 2010 in Solingen (mit einem Folgekonzert am 8. September in Remscheid) statt. Das renommierte Ma’alot-Quintett wird dabei von den Bergischen Symphonikern unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Peter Kuhn begleitet.
Bärbel Siefert
aus [t]akte 2/2010


