Streit, Flucht und Rückkehr: Viel geschieht im neuen Kinderkonzertstück Die verlorene Melodie von Andreas Tarkmann und Eberhard Streul. Wer will, kann sogar eine Botschaft daraus lesen. Die Uraufführung in Ludwigshafen war ein großer Erfolg. Andreas Tarkmann sagt, worum es geht.
takte: Die verlorene Melodie ist Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Theaterautor Eberhard Streul, mit dem Sie die Liebe zum Kabarett verbindet. Wie kam es nun zu dieser ersten Begegnung?
Tarkmann: Trotz unseres teilweise ähnlichen Betätigungsfelds war die Begegnung mit Eberhard Streul kein Zufall, sondern fand auf Vorschlag der Alkor-Edition statt. Eberhard Streul suchte nämlich einen Komponisten für einen Text, den er schon vor Jahren für ein Kinderkonzert geschrieben hatte.
Was hat Sie an seinem Text besonders gereizt?
Auf jeden Fall ist es schön, eine Geschichte zu vertonen, die noch keiner kennt. Das erhöht natürlich die Neugier und Spannung bei den jungen Zuhörern. Dann spielt die Geschichte in einer sehr „musikalischen Welt”: Ein zerstreuter Komponist schreibt eine Melodie, die durch Zufall in einem Orchester landet und um die von den verschiedenen Instrumenten heftigst gestritten wird. Um die Melodie zu schützen, reißt eine kleine Geige mit ihr aus. Geige und Melodie erleben einige merkwürdige Abenteuer und werden schließlich von der resoluten Großmutter, der Bassgeige, ins geläuterte Orchester zurückgeholt.
So eine Geschichte ist für einen Komponisten natürlich eine reizvolle Aufgabe, weil er hier alle Register ziehen kann. Überhaupt fand ich Streuls Geschichte auf Anhieb originell und witzig, sprachlich sehr pointiert und geistreich, ohne die kindliche Ebene zu vernachlässigen. So können die Kinder zwar eine Menge über Musik und Instrumente erfahren, werden aber nicht offensichtlich „belehrt”.
Haben Sie den Wortlaut eins zu eins übernommen?
Der Originaltext ist im Hinblick auf eine melodramatische Vertonung geschrieben. So waren keine nennenswerten Änderungen nötig. Wir haben lediglich das musikdramaturgische Gerüst zusammen abgesprochen: wann, wo und wie viel Musik an bestimmten Textstellen erklingen soll. Ansonsten hat mir der Autor dankenswerterweise keine Vorschriften gemacht.
An welche Altersgruppe wendet sich Die verlorene Melodie und wie war die Resonanz bei der Uraufführung im Frühjahr in Ludwigshafen?
Wir schlagen das Stück für Kinder ab fünf Jahren vor. Es ist ganz bewusst für die jüngeren Kinder geschrieben und wurde von ihnen begeistert aufgenommen. Aber nicht nur von diesen: Eltern und Orchestermitglieder waren genauso angetan.
Die Geschichte wendet sich letztlich gegen den Egoismus und plädiert für das gemeinschaftsstiftende Band des Musizierens.
Diese Botschaft ist nur ein Teilaspekt des Stücks und ich finde es nicht schlimm, wenn andere Seiten des Gesamtstücks sie vielleicht verdrängen. Für viele junge Kinder ist es wahrscheinlich der erste Konzertbesuch und die allererste Begegnung mit einem Orchester: Da gibt es ungeheuer viel Interessantes zu sehen und zu hören …
Die verlorene Melodie geht von der klassischen Konzertsituation aus. Das junge Publikum wird nur gelegentlich vom Erzähler angesprochen, der aus dem Stück heraus Fragen formuliert, bei denen es unter anderem um die Identifizierung von Instrumenten geht. Welchen Stellenwert räumen Sie diesem Kinderkonzertstück in der Nachfolge von „Peter und der Wolf“ ein im Vergleich zu Konzepten, bei denen Kinder und Jugendliche von Anfang an und in einem größeren Maß in die Erarbeitung eines neuen Stückes und dessen Aufführung integriert werden?
Ich denke, dass beide Konzertmodelle ihre Berechtigung haben und dass Kinder auch mit beiden konfrontiert werden sollten. Natürlich ist es wichtig, dass sie aus einer passiven Konsumentenrolle herausgeholt werden und dass die Konzerte im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbarer” werden. Auf der anderen Seite sollten Kinder auch lernen, eine gewisse Zeit konzentriert zuzuhören. Ich glaube, diese Konzentrationsfähigkeit sollten wir den Kindern auch zutrauen und sie fördern. In diesem Sinne ist ein Stück wie Die verlorene Melodie ein guter Einstieg.
Verraten Sie uns zum Abschluss noch Ihre nächsten Projekte?
Nachdem ich letztes Jahr mit meiner ersten Kinderoper La belle au bois dormant (Dornröschen) in der Philharmonie Essen einen schönen Erfolg hatte, komponiere ich nun für das Theater Aachen als Kinderoper den Räuber Hotzenplotz (Uraufführung April 2009). In der Tonhalle Düsseldorf wird 2009 ein weiteres Kinderstück von mir uraufgeführt, darüber hinaus arbeiten Eberhard Streul und ich schon an etwas Neuem, aber mehr darf darüber noch nicht verraten werden.
Fragen: Redaktion
aus: takte 2/2008



