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Blicke in die Tiefe. Neue Werke von Charlotte Seither

Bild:
Das Orchester des Wilhelmsgymnasiums Kassel bei der Uraufführung der Fünf Stücke um den Fluss zu queren im September 2012 in der Kasseler Mârtinskirche

 

Charlotte Seither – aktuell

[10.10.2012] Nach dem umfangreichen Komponistenporträt an St. Martin in Kassel, bei dem 27 Werke aufgeführt wurden, stellen Charlotte Seithers neue Projekte eine jeweils eigene spektrale Klanglichkeit in den Mittelpunkt.

 

Fünf Stücke um den Fluss zu queren

Für die Komponistin war die Präsenz in der Documenta-Stadt Kassel eine künstlerisch intensive Erfahrung, gipfelnd im Abschlusskonzert mit der Uraufführung ihrer Fünf Stücke um den Fluss zu queren, die vom Schulorchester des Wilhelmsgymnasiums gespielt wurden.

Darin treten zwei Kompetenzebenen zueinander. Eine erste musikalische Schicht, eine ausnotierte Partitur, erfordert geschulte Interpreten, die einen professionellen Notentext aufführen. Darüber hinaus gibt es eine Geräuschemachergruppe, die grobflächiger agiert. Die Geräuscherzeugung kann auch von Ungeübten erarbeitet werden. Neben einer Aufführung mit Jugendorchester, wie in Kassel praktiziert, in der die Instrumentalisten die wechselnden Geräuschparts übernahmen, ist, so Charlotte Seither, „dieses Stück auch für ein Profiorchester denkbar, das eine Schulklasse einlädt, um die Geräuscheparts zu übernehmen. Ich finde es wichtig, eine Brücke zu schlagen zwischen einem professionellen Sinfonieorchester und integrierten Klanggruppen, die auch von ungeübten Jugendlichen übernommen werden können. Es beinhaltet die Chance, ein Stück mit unvermindertem Kunstanspruch gemeinsam aufführen zu können.“ Fünf kurze farbenreiche Tableaus bringen pointierte Orchesterbilder zum Klingen, in denen die Besetzung der Instrumentengruppen variabel gestaltet sein kann.

 

Guarda in giù

Der Titel Guarda in giù, übersetzt „Blicke nach unten“ oder „Schau hinab“, enthält eine doppeldeutige Aufforderung: Ein musikalischer Satz, der grundtönig von einer tiefen Basslinie aus gesteuert wird, lässt ein Klanggewebe über einem repetierenden tiefen Ton entstehen. In einem irregulären Metrum versetzt dieser Basston die Resonanz des Raums in ein pulsierendes Schwingen, über dem die höheren Stimmen spektrale Geräuschereignisse oder Tonhöhengesten einfügen. „Ich wollte in diesem Werk einen Klangraum schaffen, der von einem weichen, fließenden Puls ausgeht, allerdings in einem unvorhersehbaren Metrum. Jedes Chorstück begreife ich als Aufgabe, das Instrument Chor neu zu „erfinden“, d. h. eine andere Art zu suchen, wie sich das Instrument Chor neu denken lässt. In Guarda in giù habe ich mich entschieden, das Stück von der Bassstimme herkommend zu lenken. Dabei verwende ich als Klanggeber eine fiktive instrumentale Sprache, die entfernt an das Altitalienische erinnert.“ Akustisch schafft dieser Basston gleichsam einen pulsierenden Liegeton, der die Geschehnisse in den anderen Stimmen in Gang setzt, und verfolgt ein chorisches Klangideal, Raumschwingung zu erzeugen und jede Stimme in ihrem Klangidiom zu betonen und ihr eine je eigene Funktion zuzuweisen. Der „Blick nach unten“ hat somit eine satztechnische Bedeutung, aber ist auch als Introspektion der Stimmen in die Tiefe gedacht. Der Basston in seiner Unvorhersehbarkeit wird zum Fundament für ein spektrales Gebäude von pulsierenden Ereignissen im Raum. Die Komposition setzt mithin Charlotte Seithers Arbeiten im instrumentalen Bereich fort, von Recherche sur le fond für Orchester und Beschriftung der Tiefe von innen für Ensemble, in der sie jeweils den Instrumentalsatz aus der linear gestalteten Tiefe konzipiert.

 

Schwebende Verse

Schwebende Verse für Schlagzeug und Klavier komponierte Charlotte Seither für das Ensemble Phace Contemporary Wien. „Ein Metallblech wird mit  einem Gummischlägel in Schleifenform gerieben, so dass sich grundtonhaltige Klänge ergeben, die wie ein artikulierender Gesang eine Art übergeordnetes Versmaß erzeugen. Ich konzentriere in diesem Stück mein Material auf weiche, warme, geräuschhafte, spektrale, metallische Linien, zu denen sich Klänge aus dem Klavier in Beziehung setzen“, erklärt die Komponistin. Dabei agiert das Klavier wie ein zweites Perkussionsinstrument. Da die klanglichen Ergebnisse des Metallblechs wenig berechenbar sind, geht es in diesem Stück in besonderer Weise um „eine Ebene von Beziehung und Kommunikation und um eine übergeordnete Geisthaltigkeit in dem reduzierten Spielmaterial, das die Musiker haben. Das Stück ist fein, schwebend, hat eine der elektronischen Musik nahe Klanghaltung, obwohl alles akustisch erzeugt ist. Ergebnis ist eine filigrane Sprachartikulation wie in einem Versmaß, in einer leisen, subtilen Linearität.“

Marie Luise Maintz
(aus [t]akte 2/2012)

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