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Hörende Augen, sehende Ohren. Vadim Karassikov und sein neues Werk

Rückblick

Bei der MaerzMusik Berlin spielte das Moscow Contemporary Music Ensemble von In the flame of the dream die Uraufführung der Fassungen für Akkordeon solo und Trio (22.3.2009). +++ Die Uraufführung von In the flame of the dream für Ensemble fand am 5. Dezember 2009 im Konzerthaus Wien statt. Es spielte das Klangforum Wien.

Seine Musik wächst aus der Stille heraus und in sie hinein: Vadim Karassikovs neue Ensemblekomposition in the flame of the dream, ein Auftragswerk des Klangforums Wien, wurde am 5. Dezember 2008 in Wien uraufgeführt.

In Ekaterinburg, an der Grenze zum asiatischen Teil Russlands, wohnt und arbeitet sehr zurückgezogen der Komponist Vadim Karassikov. Seinen Werken begegnet man selten im Konzertsaal, doch wenn sie aufgeführt werden, rufen sie Reaktionen von völliger Verblüffung bis zu Begeisterung hervor. In minutiöser Differenziertheit zeichnet Karassikov seine Partituren, „behaucht” die Notenseiten mit einer fragilen Bleistiftkalligraphie, die auch in Ausstellungen zeitgenössischer Grafik gezeigt werden könnte. Der Vagheit des überaus präzise, doch verletzlich Notierten entspricht die Musik, denn ihr dynamischer Level bewegt sich an der Grenze des Hörbaren. Wenn man die komplexe Textur des Notierten mit dem klingenden Ergebnis vergleicht, dann wird man zunächst überrascht sein, denn der größere Teil bleibt unhörbar: Karassikovs musikalische Formulierung entzieht sich jeglicher Konvention.

Es geht ihm nicht darum, irgendwelche Konventionen durch schlichte Negation zu umgehen, die dann ihrerseits zu neuen Privatkonventionen würden. Der Komponist verweist stattdessen darauf, dass er in seiner Musik eine Art Analogie zu dem erkennt, was uns täglich innerlich und äußerlich umgibt. Auch hiervon bleibt ein Großteil unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle, ist aber vorhanden und unterschwellig bestimmend. Viele der unhörbaren Passagen seiner Musik sind gestisch bedeutsam – etwa durch die Bewegung oder Mimik der Interpreten –, andere sind hörbar, treten jedoch nicht gestisch hervor: Das Gestische und Nicht-Gestische, das Hörbare und Unhörbare – jeweils in feinster Abstufung und interner Beziehung – bilden entscheidende Parameter seiner Kunst. Hierdurch erfährt das Publikum, dass das Auge auch hören und das Ohr auch sehen kann, beide Sinne wachsen zu einem neuen zusammen, auf ihn ist Karassikovs musikalische Dramaturgie ausgerichtet. Während der Aufführung scheinen sich die Ohren und Augen auszudehnen, so dass man als Zuhörer selbst das feinste Knacken des Saalparketts wahrnimmt, Eigengeräusche des Raumes, mit dem diese Kunst eine bislang ungehörte Zwiesprache einzugehen scheint. Die Darbietungen von Karassikovs Werken nähern sich auch dank der besonderen Betonung der Gestik einer theatralischen Aufführung an, ohne Musiktheater zu sein. Er selbst bezeichnet seine Kompositionen in Ermangelung eines hierfür vorgeprägten Begriffs als „stage art”.

Für die Ausführenden und ebenso für das Publikum bietet die Begegnung mit seiner Kunst eine Bereicherung, zumal man die Gestik als integralen Bestandteil einer Komposition und ihrer Interpretation erfährt. Dieses an sich selbstverständliche, doch nicht immer gegenwärtige Bewusstsein für gestisch-musikalische Zusammenhänge dürfte auch bei der Begegnung mit überkommenem Repertoire sensibilisierend wirken. Die Aufführungen seiner Kompositionen wird man vor allem dann als außergewöhnliche Konzerterfahrungen erleben und im Gedächtnis behalten, wenn man versucht, sich seiner Musik voraussetzungslos hinzugeben, denn in Karassikovs Werken ist, bis auf die Tatsache, dass sie sehr leise sind, nichts vorhersehbar.

in the flame of the dream for ensemble heißt Vadim Karassikovs neues, im Auftrag des Klangforums Wien entstehendes Werk. Es besteht aus einzeln aufführbaren Stücken für je ein Instrument, die vom Duo, Trio, Quartett bis zum Tutti in allen möglichen Varianten kombiniert und gleichzeitig gespielt werden können. Am 5. Dezember 2008 werden die bislang vorliegenden Teile dieses Werks in Wien uraufgeführt werden.

Michael Töpel
aus: takte 2/2008

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