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Leuchtende Farbwerte: Srnkas „Piano Concerto“ in Prag

Miroslav Srnka
Konzert für Klavier und Orchester
Uraufführung: 23.11.2012 Wien (Musikverein)
Nicolas Hodges (Klavier), ORF-Radio-Symponieorchester Wien, Leitung: Cornelius Meister

Miroslav Srnka – aktuell

In seinem Konzert für Klavier und Orchester lässt Miroslav Srnka den Solisten am Piano in einen vielfältigen Dialog mit vier Instrumentengruppen des Orchesters treten. Das Ergebnis: mehrfach geschichtete Polyphonie. 

Manche sehen im Klavierkonzert die Königsdisziplin unter den Instrumentalkonzerten, kann doch das Klavier als „Orchester in zehn Fingern“ ein in Komplexität und Lautstärke besonders gewichtiges Gegenüber zum großen sinfonischen Klangkörper bilden. Miroslav Srnka schafft in seinem Konzert für Nicolas Hodges und das Radiosinfonieorchester Wien unter Leitung von Cornelius Meister ein Werk, in dem es um eine kaleidoskopisch sich spiegelnde Klanglichkeit des Klaviers geht. Das in sich homogen klingende Soloklavier tritt in einen Austausch mit einigen exponierten Instrumentenfamilien, genauer: vier Gruppierungen, die sich jeweils auch durch eine innere klangliche Homogenität auszeichnen: der Horngruppe mit Fagotten, den Streichern, den Klarinetten mit Blechbläsern und schließlich den Melodieinstrumenten der Schlagzeuger. Diese Gruppen und das Klavier agieren polyphon aufgefächert, in sich immer weiter entwickelnden und generierenden Strukturen. Es entsteht eine Art mehrfach geschichteter Heterophonie, als würden sich diese Stimmfamilien unterschiedlich im Raum bewegen und immer wieder zu homogenen Flächen zusammenfinden. Mit diesen hervorgehobenen, wie Solisten agierenden Instrumentengruppen korrespondiert das Klavier in einem fortgesetzten, mäandernden klingenden Kontinuum.

Jedes Erklingen eines Klaviertons ist mit einem Anfangsimpuls verbunden. Folglich kann jegliche Kontinuität, jeglicher Fluss nur aus einer Aneinanderreihung der einzelnen Impulse entstehen. Um die Vorstellung des Fließens geht es Srnka in seinem Konzert wie in seinen vorangegangenen Klavierkompositionen. Ausgehend von kleinstmöglichen Bewegungsformen, dem Triller oder Tremolo, entstand 2006 ta vetší für Klavier solo. In seinem Klavierquintett Pouhou vlnou (Qu’une vague) weitete der Komponist 2008 den Rahmen mit größeren, ornamentalen Modellen, mit der Genese von immer neuen Figurationen und Patterns. Fast unübersetzbar beschreibt der Titel des Klavierquintetts den Fluss der Wellen, vom zitternden Gluckern bis zur gewaltigen Attacke, durchmisst die Musik weite Räume mit einem weiten Ambitus in allen Parametern: Dynamik, Tondichte und Tempo sowie Register. Das Wasser, das Material, verändert sich nicht, aber seine vielfach gebrochenen, stets variierenden Erscheinungsformen in der linearen Bewegung.

Die bewegliche, fließende, satte Brillanz des Klaviers und die der einzelnen Instrumentenfamilien treffen sich in den Höhepunkten und erzeugen kaleidoskopische, flamboyante Strukturen. Das Leuchten der Instrumentalkollektive verstärkt sich zu einem fantastischen Farbenspiel.

Formal vollzieht das 25 Minuten dauernde einsätzige Werk mehrere Spannungsbögen, wie mehrere wechselnd fokussierte Sätze. Die vielfach ineinander verwobenen Bewegungskurven bilden immer wieder ein Umschlagen von der Einzelbewegung zur kollektiven Explosion, eine Brechung und wiederum Bündelung des Klangkontinuums. Die Virtuosität des Klaviers ist in diese Bewegungsstruktur eingebunden, „in einem fließenden Übergang von einem einfachen Intervall bis zu einem Cluster in derselben Klaviertechnik, die dann aufblüht, wenn die ganze Struktur in kaleidoskopischen Umformungen umkippt“ (Srnka).

Marie Luise Maintz
(aus [t]akte 2/2012)

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