Patricia Kopatchinskaja wird beim „Prager Frühling“ den Solopart des Violinkonzerts von Luboš Fišer spielen – des letzten Werks des eigenwilligen Komponisten, der das „Recht auf Wiederholbarkeit“ verteidigte. Im Auftrag des Festivals hat Bärenreiter Praha das Aufführungsmaterial erstellt.
Der tschechische Komponist Luboš Fišer (1935–1999) hat im Laufe seiner Karriere eine ausgeprägte eigene musikalische Sprache entwickelt, mit der er sich sowohl in der Filmmusik als auch in konzertanter Musik etablierte. In beiden Fällen zeichnete sich sein Stil durch eine ausgeprägte Bipolarität aus: einerseits durch lyrische gesangliche Ruhe, andererseits durch dramatische, existenzielle Eindringlichkeit.
Sein Suchen nach einem eigenen Stil, anfangs vom Neoklassizismus fasziniert, hat sein Ziel in den 1960er- Jahren erreicht, als Fišer sich dem modalen Denken und neuen, aus Polen importierten kompositorischen Techniken zuwandte. Der große Durchbruch in seiner Karriere und sein Eintritt in die internationale Musikszene gelang mit den Fünfzehn Blättern nach Dürers „Apokalypse“, für die er im Jahre 1967 den 1. Preis bei der Tribune internationale des compositeurs der UNESCO erhielt.
In dem suggestiven Orchesterwerk hat er zum ersten Mal die Auswahl der sechs Töne h-c-cis-f-fis-g verwendet. Die von einem stürmischen, unheilvoll chromatischen Kreisen dieser Töne gekennzeichnete Modalität wurde zu einem Charakteristikum der Handschrift Fišers, die er bis zu seinem Lebensende allmählich weiter entfaltete und festigte.
Das Wesentliche hat sich jedoch nicht geändert. In der Partitur von Fišers Violinkonzert (1997), einem Werk seiner letzten Schaffenszeit, erkennt man leicht den Komponisten, der über mehr als dreißig Jahre hinweg seinen souveränen und unverwechselbaren Stil entwickelt hat. Durch abrupte Schnitte zwischen Zärtlichkeit und wildem Drama erzeugt er intensive Spannung. Diese wird durch seine Affinität zu scharfen Dissonanzen und der Vorliebe für die übermäßige Quarte unterstützt, für seine Klangwelt grundlegende und unentbehrliche Mittel.
Fišer strebte bewusst nach Wiedererkennbarkeit. „Das 20. Jahrhundert hat ein merkwürdiges Dogma mit sich gebracht“, äußerte er sich einmal. „Ein Künstler muss immer etwas Neues bieten. Er soll schockieren, überraschen, er darf sich niemals wiederholen. Dies widerspricht dem grundlegenden Prinzip des Schaffens. Ich glaube, dass das Recht auf Wiederholbarkeit und beabsichtigte Erkennbarkeit der Arbeit eines Schaffenden in der Zukunft wünschenswerter sein wird als das Verlangen nach immer neuen, zum Selbstzweck gewordenen Experimenten.“
Heute scheint Fišers Schaffen wieder mehr Aufmerksamkeit zu finden. Dazu trägt auch die Geigerin Patricia Kopatchinskaja bei, die schon 2025 einige Werke des Komponisten beim „Prager Frühling“ aufführte.
„Die Musik von Luboš Fišer hat mich buchstäblich überwältigt mit ihrer archaischen Kraft,“ sagt sie. „,Crux‘ für Violine und Pauken, die Sonate ,Ruce‘ für Violine und Klavier, die Solosonate für Violine, das Violinkonzert: Das alles hat eine so starke Intensität, Unbedingtheit, Urkraft verfasst in einer klaren Struktur, dass es mich direkt ins Mark trifft und mich niemals unbeteiligt lässt.“
Es ist gerade das Violinkonzert, das letzte vollendete Werk des Komponisten, mit dem Kopatchinskaja 2026 zum „Prager Frühling“ zurückkehren wird, diesmal in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Jakub Hrůša und der Tschechischen Philharmonie. Die Zuhörer werden einen Bezug mit „Crux“ erkennen, das einst durch Gidon Kremer bekannt wurde und mit dem das Violinkonzert viele Gemeinsamkeiten aufweist – neben der Gesamtatmosphäre auch der aleatorische Dialog zwischen dem virtuosen Solopart und dem allmählich anwachsenden Anteil des Schlagzeugs.
Die Uraufführung des zwölfminütigen Werks fand am 22. Mai 1998 in Karlovy Vary mit Václav Hudeček und dem Karlsbader Symphonieorchester unter der Leitung von Jiří Štrunc statt. Da die Orchesterstimmen verloren gegangen sind, hat Bärenreiter Praha das Werk in seinen Katalog aufgenommen und für dieses wichtige Konzert ein neues Aufführungsmaterial erstellt.
Jiří Slabihoudek
(aus [t]akte 1/2026)



