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Erinnerungsstücke. Neue Werke von Miroslav Srnka

Les Adieux

Les Adieux ist eine Komposition aus dem Jahr 2004, die ich jetzt überarbeitet habe und die sehr wichtig für mich ist. Sie geht zurück auf eine Einladung zu einer Sommerakademie mit dem Ensemble Intercontemporain und wird nun vom Ensemble Modern uraufgeführt. Damals arbeitete ich an den Quellen zu Dvoráks Stabat Mater, das als sein erstes großes Werk in einer extremen Situation entstand: Er hatte nacheinander seine drei Kinder verloren und war damit nochmals kinderlos geworden. Diese Situation hat mich sehr berührt, und ich schrieb das Stück Les Adieux. Es besteht aus drei Abschnitten, die jeweils einen Abschied für je ein Kind enthalten.”

Für den 1985 in Prag geborenen Miroslav Srnka ist die tschechische Tradition sehr wichtig – im Sinne einer musikalischen Muttersprache, die ihn neben den Großmeistern der musikalischen Moderne des 20. Jahrhunderts wie Boulez, Stockhausen, Ligeti, Messiaen und anderen geprägt haben. Dvorák und Janácek nennt er vor allem als solche Vorbilder, die neue Qualitäten in die Musik einbrachten – Parameter wie Klangdramaturgie, Farbe, Gestus und dynamischen Verlauf. „Wenn ich über die Aussage sprechen soll, dann ist es bei Dvorák die Qualität, das Tiefste über den Menschen auszusprechen, ohne dabei seine Existenz in Frage zu stellen.” Les Adieux hat einen zweifachen Bezug: Titel und musikalisches Material spielen auf Beethovens Sonate op. 81a an, gleichsam als Srnkas Kindertotenlieder für Dvorák. Die Eröffnungskadenz der Sonate wird als verstecktes Zitat, als dreifaches „Adieu” in das Werk eingebaut. „Das Prinzip der Sonate von Beethoven ist, dass er mit den Lösungen der Kadenz spielt, um immer neue formale Möglichkeiten des Stückes zu eröffnen. Ich habe versucht, dieses Problem weiterzuführen, wobei die Kadenz nur kryptisch vorhanden ist. Ich versuche, nachbeethovensche Lösungen  zu finden, wie sie vielleicht Dvorák in verschiedenen Phasen entwickelt hätte.”

In Besetzung und Klangbild sind Klavier und Glockeninstrumente sehr präsent, perkussive Elemente, die dazu beitragen, klare Akzentuierungen, also ein nicht amorphes Klangbild zu schaffen. Kompositionsprinzip ist eine Beleuchtung des musikalischen Materials durch den gesamten Instrumentalapparat – nicht also eine musikalische Geste einem Instrument vorzubehalten, sondern diese in allen Stimmen vielfach darzustellen. Material wird damit bewusst von der Farbe abgelöst.


Pohou vlnou

Zuletzt hatte Les Adieux für großes Ensemble seine Uraufführung mit dem Ensemble Modern unter Matthias Pintscher in der Alten Oper Frankfurt, „eine schmerzlich-empathische Erinnerung“ mit „schroffer, energetisch bestimmter Klangwelt“ (Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau) von expressiver Intensität, die Srnka gleichsam „in memoriam“ von Antonín Dvoráks drei Kindern schrieb. In dem Klavierquintett Pouhou vlnou geht es Srnka nun um ein veritables kammermusikalisches Musizieren von fünf gleichberechtigten Instrumenten, die „systematisch die verschiedensten kombinatorischen Besetzungen im Klavierquintett erforschen, also Soli, Duos, Trios etc., um sich nach mehreren kurzlebigen Versuchen zum Schluss definitiv zu einem ‚Klavierquintett’ zu vereinen”. Bei aller Konzentration geht es hier doch um komplexe Strukturen, um die Gleichzeitigkeit von Materialschichten, die das emanzipierte Miteinander der Stimmen ermöglichen.

Marie Luise Maintz
(aus takte 2/2007)

Miroslav Srnka
Les Adieux
for ensemble (2004/07)
Besetzung: 1 (auch Picc, auch BFl), 1 (auch Eh), 1 (auch BKlar), 1 - 1, 1 (auch PiccTrp), 1, 0 - Schlg (2) - Hfe, Klav - V, Va, Vc, Kb / 10 Minuten
Uraufführung am 28. November 2007 in Frankfurt: Ensemble Modern, Leitung Matthias Pintscher

Pouhou vlnou
Klavierquintett
Uraufführung am 17. April 2008 in München, Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters

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