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Klang und Bewegung. Der Komponist Dmitri Kourliandski

Die Werke von Dmitri Kourliandski werden bei den Éditions Jobert (www.jobert.fr) verlegt, Vertrieb: Alkor Edition

Ein „neuer” Komponist stellt sich in Mitteleuropa vor: der Russe Dmitri Kourliandski, dessen Werke bei den Éditions Jobert verlegt werden. Mit seiner Musik will er die Zuhörer nicht beeinflussen, sondern ihnen die Freiheit der Wahrnehmung lassen.

In jüngster Zeit konnte man in Deutschland die Werke des jungen russischen Komponisten Dmitri Kourliandski kennenlernen, der von vielversprechendem Talent zu sein scheint. Bereits im Jahre 2006 wurde in Donaueschingen vom Schönberg Ensemble unter der Leitung von Reinbert de Leeuw sein Contra-relief zur Aufführung gebracht, und im Rahmen des diesjährigen Festivals MärzMusik spielten das Ensemble Contrechamps unter der Leitung von Beat Furrer sowie das Moscow Contemporary Music Ensemble unter Fedor Lednev neben Contra-relief auch Engramma, Innermost man, Night-turn sowie Broken Memory.

Kourliandski wurde 1976 geboren und schloss sein Studium am Konservatorium Moskau mit Diplom ab. 2003 wurde er mit dem Großen Preis des Internationalen Kompositionswettbewerbs „Gaudeamus” ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr war er auf Einladung des DAAD Gast des Berliner Künstlerprogramms und im kommenden Jahr wird das französische Ensemble „2e2m” ihm als Composer in residence um die zehn Konzerte widmen.

Sein Kompositionsstil überrascht und gefällt. „Ist die Musik eine Sprache? Oder ist sie gar ein Text? Können Töne etwas aussagen?” fragt sich der Komponist im Vorwort zu 4 states of same aus dem Jahre 2005. Diese Fragen über das Wesen der Musik und der Sprache sind von grundlegender Bedeutung im intellektuellen Leben Kourliandskis, der auch Gründer und Chefredakteur der russischen Zeitschrift Tribuna Sovremennoi Muzyki (Tribüne der zeitgenössischen Musik) sowie Gründungsmitglied der Komponistenvereinigung „Structural Resistance Group“ (StRes) ist.

Was das Ohr – und die Augen – bei der Musik von Dmitri Kourliandski sogleich verblüfft, ist der ausgeprägte Erfindungsgeist. Der Komponist steht für eine bilderstürmerische Haltung gegenüber den Gewohnheiten im instrumentalen Bereich, wobei die Gestik des Instrumentalisten eine ganz entscheidende Quelle seiner Inspiration darstellt. Zu dissecta … still life with bows and surfaces (2007) stellte Kourliandski fest, dass er „den Klang als notwendige Folge einer Bewegung und die Bewegung als unerlässliche Bedingung für den Klang betrachtet”.

Nach Kourliandskis Auffassung darf die persönliche Wahrnehmung des Zuhörers nicht beeinflusst werden, sondern dieser soll für die unterschwelligen Strukturen dessen, was er hört, ganz allein zuständig sein, ebenso wie für die möglichen Geschichten oder sogar Dramen, die er sich während des Zuhörens erzählen bzw. ausdenken mag. Der Klang muss also etwas in sich Neutrales darstellen, ohne jeden Affekt sein und ohne die Absicht, den Zuhörer in eine bestimmte Richtung zu leiten.

Im Rahmen der diesjährigen Biennale von Venedig hatte das Publikum am 29. September Gelegenheit, Kourliandskis Emergency survival guide für Auto und Orchester zu hören. Neben der unkonventionellen Situation interessiert hier auch die Frage nach dem Objekt. Der Mensch hört das Objekt. Das Objekt spricht zu ihm. Der Mensch spricht zu sich selber, während er das Objekt hört. Was die Haltung Kourliandskis (die sich auch Gérard Pesson und Colin Roche angeeignet haben) so unverwechselbar macht, ist seine Radikalität beim Aufbrechen des ursprünglichen Kontexts von Klängen. Dadurch bringt der Komponist den Zuhörer von Emergency survival guide dazu, seinem Beispiel zu folgen und sich zu sagen: „Dies ist kein Automobil”.

Mit der gleichen Besessenheit geht Kourliandski die „historische” Musik seines Landes an. In DSCH. Recollecting the name aus dem Jahre 2005 benutzt er das Monogramm von Dmitri Schostakowitsch, um ihm den Nimbus zu nehmen.

Auf seine eigene Art geht es dem Komponisten darum, nach der Geschichte des Klangs und seiner Erzeugung zu fragen.                                  

Benoît Walther
(Übersetzung: Irene Weber-Froboese)

aus: [t]akte 2/2009

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